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Wie das erste Radiohören das Wasser in der sowjetischen Kommandantur versiegen ließ

Geschrieben von Rainer Klemke am . Veröffentlicht in Geschichte

In den ersten Monaten nach Kriegsende gab es noch keine externe Stromversorgung, nachdem in den letzten Kriegstagen bei Mertens in der Berliner Straße eine Granate eingeschlagen hatte, war auch das Ortsnetz zerstört. Fritz Ast, Otto Bredow und der Ingenieur Erich Wegner („Strippenerich“) setzten das Netz für die wichtigsten Versorgungspunkte im Auftrag der sowjetischen Kommandantur wieder instand. Dieses wurde jedoch nicht von einem Kraftwerk über Fernleitung gespeist, sondern von der Dampfmaschine der Sägemühle in der Rosenbecker Straße. Angeschlossen wurde der Müller und Bäcker Wiegand, die Fleischer Suter und Seefeld, der Friseur Held, der Pferdeschlächter Otto Liese, die Sirene der Feuerwehr und die Kommandantur in der Forstverwaltung.

Nachdem die bisherige Feuerwehrtruppe wegen möglicher NS-Verstrickungen von der Besatzungsmacht komplett entlassen worden war, taten in der Wachstube bei der Fleischer Seefeld (Schaufensterspruch: „Rinder, Schörpse, Kälber, Schweine, laufen nur mit dem Gebeine. Darum muss beim Fleisch verwiegen, jeder etwas Knochen kriegen.“) in der Berliner Straße sehr junge Leute Dienst, u.a. Günter Stöcker, Gerhard Matiszick, Otto Werkmeister und Fritz Ast. Denen waren die durchwachten Nächte in der stromlosen dunklen Wachstube langweilig und so „organisierten“ sie sich aus der Kommandantur einen der dort zwangsweise eingesammelten „Göbbelsschreier“ (die schwarzen Bakkelit-Volksempfänger). Fritz Ast kletterte auf den Sirenenmast und holte sich von dort den Strom für den Betrieb. Nun konnten sie flotte Musik und Nachrichten hören und sich damit die Zeit vertreiben. Sicherheitshalber stellten sie eine Wache auf, damit sie niemand bei der verbotenen Strom- und Radionutzung ertappte. Das ging auch eine Weile gut, bis sie eines Tages von einem sowjetischen Wachposten doch überrascht und auf die Kommandantur geschafft wurden. Da Ast der Elektriker unter den Feuerwehrleuten war, und nur er den Anschluss hatte legen können, wurde er zu drei Tagen Haft im Keller der Forstverwaltung verurteilt, die sofort anzutreten waren.

Eine Weile brütete er im dunklen Keller vor sich hin, bis er sich mit seiner Umgebung näher vertraut machte. Dabei stieß er auch die Pumpe für die Frischwasserversorgung der Kommandantur. Das brachte ihn schnell auf eine Idee, die ihm wieder zur Freiheit verhelfen sollte: beherzt stellte er den Hahn für den Frischwasserzufluss ab und harrte der Dinge, die da kommen. Und es kam auch nach kurzer Zeit ein Posten mit MP und forderte den Elektriker auf, sofort nach dem Rechten zu sehen und die Stromversorgung für die Pumpe wiederherzustellen, denn man hätte kein Wasser mehr. Um die Russen, die mit fließendem Wasser ohnehin nicht vertraut waren, etwas zu verwirren, machte sich Ast erstmal aufwendig über die Stromleitung und den Verteilerkasten her, untersuchte die Pumpe und drehte dabei beiläufig wieder den Hahn auf. Die Russen waren glücklich, dass das Wasser wieder aus der Wand kam und schickten Ast mit einigen Broten beladen wieder nach Hause. Für einige Hundert andere Deutsche, die im Keller der Forstverwaltung und in der Sparkasse wegen NS-Verdachtes oder als ehemalige Wehrmachtsangehörige einsaßen, ging das damals nicht so glimpflich ab – aber das ist eine andere Geschichte.