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Der kindliche Charme des Groß Schönebecker Dichters Walter Krumbach

Geschrieben von Karin Schings am . Veröffentlicht in Geschichte

Er war ein Quatschkopf, ein Narr, ein Spaßvogel und vor allem ein unermüdlicher Verseschmied: Walter Krumbach, als Kinderbuchautor und maßgeblicher Dichter vieler Sandmännchengeschichten einer der prominentesten Groß Schönebecker!

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Ach ja, unpraktisch war er auch, lieber ließ man ihn keinen Nagel in die Wand schlagen, was den Familienalltag nicht immer erleichterte, allerdings die praktischen Fähigkeiten seiner Frau und seiner drei Kinder förderte und herausforderte.
Vielleicht hat das alles ja mit seinem Geburtsdatum zu tun, denn als Aprilscherz auf die Welt zu kommen, ist eine Auszeichnung für sich!
Am 1. 4. 1917 wurde Walter Karl Ferdinand Krumbach als Sohn des Zimmermanns Walter Krumbach und dessen Frau Emma in Grimnitz bei Joachimsthal geboren. Dort ging er sieben Jahre lang zur Schule und lernte dann „Kommunal-, Polizei- und Standesamtsverwaltung“ bei der Stadt Joachimsthal. 1936 trat er eine Stelle in der „Generalverwaltung Seiner Hoheit des Herzogs zu Schleswig Holstein“ in Grünholz an und bereits ein Jahr zuvor wurde Krumbach Mitglied in der Reichsschrifttumskammer. Das war möglich und sein Wunsch, weil er seit seinem 17. Lebensjahr schriftstellerisch arbeitete.


Dann kam der Krieg. Anschließend die Kriegsgefangenschaft, exotischerweise in den USA. 1946 kehrte er in eine verwüstete Heimat zurück. Es herrschte akuter Lehrermangel, deshalb absolvierte Krumbach wie viele andere eine 9-monatige Notausbildung zum Lehrer. Er unterrichtete in Dabelow in Gransee und scheint seine Sache gut gemacht zu haben, denn man beförderte ihn sogar zum Schulleiter! 1955 kündigte er jedoch diesen schönen sicheren Posten und gab seinem Leben damit eine entscheidende Wendung: fortan wollte er „freischaffender Schriftsteller“ sein. Geschrieben hatte er ja schon immer und das 1952 im Kinderbuchverlag Berlin erschienene „Vogelbilderbuch“, ein kleiner ornithologischer Führer für Kinder ab zwei bis drei Jahren, ist vermutlich eines seiner ersten Buchveröffentlichungen:
„Rotkehlchen singt im Fliederstrauch,
frisst Würmer gern und Käfer auch.“
Oder:
„Der Rabe sieht sehr hungrig aus,
drum, kleines Mäuslein, bleib zu Haus!“ 


Unmittelbar nach seiner Entscheidung, ein Leben als freier Schreiber zu führen, ziehen Krumbach und seine Familie in den Hirschweg 30 nach Groß Schönebeck, dem Geburtsort seiner Frau Hedwig. Die Schorfheide liegt einen Steinwurf entfernt, ein Stück Wald gehört sogar zum Grundstück, und der Dichter fühlt sich hier offenbar sehr wohl. Seine Frau  nimmt ihm allen Alltagskram ab und die Kinder schätzen sein Reden in Versen und die vielen Waldspaziergänge, die er mit ihnen unternimmt.
Schreiben tut er nachts in seiner kleinen Stube unter dem Dach. „Spätzlein Tschilp“, „Igel Itzo“, „Rehbock Rax“, „Schnatterine Gackeline“ und etliche andere später legendäre Figuren entstehen hier. Auch viele Geschichten der zwei berühmtesten Gestalten „Frau Elster“ und „Herr Fuchs“ werden im Hirschweg ersonnen, aber ihre Zeit kommt noch, denn die beiden hat  Walter Krumbach erst 1963 gemeinsam mit der Fernsehredakteurin Ursula Sturm erfunden.


Im Laufe seines Lebens schreibt Krumbach um die 90 Kinderbücher. Sie gelten trotz des unglaublichen Erfolgs des Sandmännchens als Herzstück seines Schaffens und wurden vielfach übersetzt.


Auf seinen Status „freischaffender Schriftsteller“ legt er großen Wert. Krumbach war überzeugter Sozialist und Mitglied der SED, er hatte auch zeitlebens keine Probleme mit Gängelung und Zensur. Auch wurde er weder bespitzelt noch seinerseits dazu angehalten, Freunde und Kollegen auszuforschen. Dabei leistete er es sich, nicht Mitglied im einflussreichen Schriftstellerverband der DDR zu sein. Er wollte einfach nicht, sagt seine jüngste Tochter Anne Tausch. Er lebte gerne in der DDR, aber darüber hinaus wollte er seine Ruhe haben und dafür, dass er auf die Seilschaften des Schriftstellerverbands verzichtete, nahm er auch weniger Aufträge in Kauf. Natürlich hatte er keinen Agenten wie heutzutage üblich und schloss alle Verträge selber ab. Mal kam er dabei besser mal schlechter weg. Ein Text wurde entweder pauschal abgegolten, egal wie oft er verwendet wurde oder es fließen bis heute, wenn auch nicht gerade üppig, Tantiemen.
Aber es genügte immer für ein finanziell sorgenfreies Leben auf bescheidenem Niveau.
So vergeht die Zeit. Seine Frau Hedwig hält ihm die Unbilden des Tagtäglichen vom Leib, Tochter Anne lernt ihr Fahrrad selbst zu reparieren, weil die Mutter schließlich nicht alles machen kann und Walter Krumbach treibt tagsüber allerlei Blödsinn oder lässt sich von Natur und Familie inspirieren:

„Wir wandern mit dem flinken Bach,
im Waldesgrün versteckt.
Wir träumen weißen Wolken nach
und schlafen unterm Blätterdach
bis uns die Sonne weckt.“


Nachts schreibt Walter Krumbach und fertigt dazu kleine Skizzen an. Oder auch nicht! Anne Tausch berichtet, dass ihr Vater auch sehr gut eine Weile nichts machen konnte.
Die Sandmännchenzeit rückt näher und mit ihr eine der vielen absurden deutsch-deutschen Geschichten. Denn der gute alte Sandmann entstand nicht einfach so und eroberte im Nu unzählige Kinderherzen, sondern im Grunde genommen war mal wieder der Westen Schuld! Denn eines Tages berichteten die gewöhnlich gut unterrichteten Kreise im Osten, dass die BRD schon sehr bald mit einem Sandmännchen ins Fernsehen gehen wolle. Das wollte die DDR nun keinesfalls unverrichteter Dinge geschehen lassen. Alle kreativen Drähte, die mit Kindern zu tun hatten, liefen nach dieser Schreckensmeldung von null auf hundert heiß. Darunter selbstverständlich auch der Krumbach‘sche! Quasi über Nacht musste er die Strophen für das Sandmännchenlied zu Stande bringen. Es ist ihm gelungen:

„Sandmann, lieber Sandmann, es ist noch nicht so weit! Wir senden erst den Abendgruß, eh jedes Kind ins Bettchen muss, du hast gewiss noch Zeit.“
Ein kleiner lieber Text zu einer ziemlich komplizierten Melodie.
Am 22. November 1959 hat das Sandmännchen seinen ersten Fernsehauftritt und von da an geht es nur noch bergauf. Dem Westen war man tatsächlich um ein paar Wochen zuvorgekommen, aber auch als sich längst beide Gute Nacht-Männchen in ihren jeweiligen

Sendern etabliert hatten, behielt der Ost-Sandmann die Nase vorn und war immer der beliebtere. Anfangs schlief er am Ende der Sendung im Schnee ein und im Sender in Adlershof trafen waschkörbeweise Briefe ein, in denen Kinder dem Sandmännchen ihr Bett anboten!

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Technisch war das Sandmännchen immer auf der Höhe der Zeit. Es braust auf dem Motorrad zu Frau Elster oder fliegt mal eben im Hubschrauber zu Taddeus Punkt. Auch der neue Traktor RS 09 kommt zu Ehren, wenn das Sandmännchen auf ihm bei Herrn Fuchs vorfährt. Und wenn es mal besonders schnell gehen muss, nimmt es den Flieger Il 18 oder saust gleich mit der Rakete zu Annemarie und Brummel. Was kostet die Welt!
Für Walter Krumbach begann mit dem Sandmännchen eine Zeit der Vielbeschäftigung, denn nun entstanden neben Fuchs und Elster auch der Kobold Pittiplatsch der Liebe, Moppi, Schnatterinchen und all die anderen Freunde vom Sandmännchen, für die sich ein Stamm von Autoren ständig neuen Episoden ausdenken musste. Zeitweilig nahm sich Krumbach eine kleine Wohnung bei Adlershof und war nur noch am Wochenende zuhause in Groß Schönebeck. Denn er bekam für seine Geschichten zwar mitunter inhaltliche Vorgaben, durfte aber auch bei der Produktion ein Wörtchen mitreden. Die Tage während der Woche verbrachte er daher oft im Fernsehstudio. Anne Tausch besuchte ihn ab und an in seiner kleinen Bude und wurde dann von ihrem Vater sehr gut bekocht, wie sie erzählt.
Daheim hatte man seit 1961, also sehr früh, einen Fernseher. Natürlich schaute man das Sandmännchen und freute sich, wenn eine Geschichte vom Papa dabei war, guckte selbstredend aber auch Westfernsehen.


Walter Krumbach trennte strikt zwischen Arbeit und Familie. Deshalb waren seine Kinder auch nicht das erste Publikum, an denen er neue Verse ausprobierte. Seine Dichtungen brütete er nachts in seinem Kämmerchen aus und dann gab er sie weg, und entweder wurden sie genommen oder auch nicht. Denn obwohl Krumbach einer der renommiertesten Autoren der Sandmännchengeschichten war, allein ca. 200 Fuchs und Elster-Folgen sind von ihm,  und er als Kinderbuchautor längst einen Namen hatte, war er kein hofierter Dichterfürst, dem man alles aus der Hand riss.  Manchmal kam eine Geschichte auch beanstandet zurück und er musste sie überarbeiten, was ihm nicht besonders schmeckte.


Wenn Krumbach seine Familie auch von seiner Arbeit fernhielt, war sie wie auch die Schorfheide gleichwohl eine zentrale Inspirationsquelle für ihn. Anne Tausch berichtet, dass man praktisch alle Mahlzeiten gemeinsam einnahm und wie schon erwähnt häufig zusammen in den Wald ging. Zum Pilze sammeln oder einfach so. Nicht immer zur Freude seiner Frau sprach er in Versen, wo er ging und stand, deswegen befand die Familie eigentlich doch mittendrin in seiner Arbeit.
„Mauz und Hoppel sind wir beide, leben, wie es uns gefällt,

zieh’n vergnügt durch Wald und Heide, freu‘n uns an der schönen Welt.“


Ein Werk jedoch fällt aus dem Rahmen der vielen Kinderbücher und Fernsehgeschichten, es ist auch nicht unbedingt für Kinder gedacht, sondern erinnert eher an arabische Märchen. Es heißt „Der alte Wang“ und ist mit kunstvollen Scherenschnitten versehen schon 1957 im Altberliner Verlag Lucie Groszer erschienen.
Es geht darin um den alten, fetten, unermesslich reichen Wang, dem zur Vervollkommnung seines Glücks nur noch die richtige Braut fehlt. Als die sorgfältig Ausgesuchte ihn aber das erste Mal sieht, flieht sie stante pede, entsetzt von Wangs Abscheulichkeit. Dem Alten bricht daraufhin aller Boden unter den Füßen weg:


„Wang musste nun in alten Tagen,
der solche Mühsal nie gekannt,
im Schweiß sich auf dem Acker plagen,
vor einen schweren Pflug gespannt.
Er lernte Arbeit zu verrichten
statt Schlemmerei, Betrug und List.
Doch niemand weiß mehr zu berichten,
was noch aus ihm geworden ist.“


Bei allem Dichten blieb Walter Krumbach sehr bodenständig, sagt seine Tochter Anne Tausch. Die Krumbachs führten ein gastfreundliches Haus, in dem häufig Freunde und Kollegen zu Besuch waren. Aber auch zu den Groß Schönebeckern suchte er den Kontakt und in einem Fall kam ihm da seine Ausbildung zum Verwaltungsbeamten zugute. Denn für die damalige LPG, die heutige Agrargenossenschaft Groß Schönebeck verfasste er die Jahres- und Parteiberichte und zu diesem Zweck kam man natürlich auch gesellig zusammen.

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Seine Kinder wurden älter und verließen das Haus. Mit wem sollte er jetzt noch albern sein und Späßchen machen? Zum Glück gab es Enkel Alex, den Sohn von
Anne Tausch, der Freude hatte an den Reimen des Großvaters und heute noch von den gemeinsamen Ausflügen in den Wald zehrt. Die beiden erfanden auch eigene Worte und gingen zum Beispiel nicht einfach in den Wald, sondern statteten der „Batz“ einen Besuch ab!
1985 starb Walter Krumbach mit knapp 68 Jahren viel zu früh. Geschrieben hat er bis zum Schluss, sagt Anne Tausch.

Der inzwischen verstorbene Neu Groß Schönebecker Bernd Mehlitz ist der Ansicht, dass im Hirschweg 30 unter jedem Stein eine Geschichte liegt. Die Autorin dieses Artikels, die ihre Wochenenden seit einiger Zeit im Krumbachhaus verbringt und deren Sohn sich abends unter eine Sandmännchendecke kuschelt, hat das Gefühl, dass da was dran ist!

Katrin Schings


Die Geschichten von Walter Krumbach werden heute vom Beltz-Verlag publiziert.

Groß Schönebeck hat den Weg an der nach einer Krumbach-Figur benannten "Borstel"-Kita nach Walter Krumbach benannt und bereitet anlässlich des 100. Geburtstages von Walter Krumbach am 1. April 2017 verschiedene Veranstaltungen zu Ehren seines berühmten ehemaligen Bürgers vor. Hierzu wird im Herbst 2016 ein großes Wandbild an der Scheunenwand der SAG in der Schlufter Straße entstehen. Dazu gibt es Malworkshops für Kinder und Jugendliche aus der Gemeinde. Siehe hierzu weitere Infos unter "Bürgerverein".