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1945: Flucht und Neubeginn

Geschrieben von Rainer Klemke am . Veröffentlicht in Geschichte

Mit der großen ARD-Dokumentation über Flucht und Vertreibung mit Maria Furtwängler wurden auch in Groß Schönebeck die Erinnerungen an das Jahr 1945 wach, als viele Groß Schönebecker - vor allem Frauen und Kinder – ihr Heimatdorf verließen und sich nach Westen aufmachten, um in die amerikanische Zone zu kommen – oder nur vorübergehend in die umliegenden Wälder flüchteten, um vorausgesagten und befürchteten Gräueltaten der sowjetischen Truppen zu entgehen. Es wird erzählt, dass sich sogar Männer aus Angst vor den Russen ertränkt haben.

Schon in den letzten Monaten und Wochen vor Kriegsende waren Flüchtlinge aus dem Osten durch das Dorf gezogen und hatten in den Scheunen übernachtet und um Essen gebeten. Die Erzählungen der Flüchtlinge und der zurückflutenden Soldaten, die näher rückende Front und der ferne Schlachtenlärm hatten ihre eigene Dramaturgie, die durch die Exzesse der im Ort stationierten rumänischen SS eher noch gesteigert wurde. Wer ein Auto oder Pferd und Wagen hatte, packte das wichtigste zusammen und machte sich auf nach Westen, oft auch nur mit einem Hundewagen. Viele flüchteten sich in die umgebenden Wälder und bauten sich dort Unterstände, z.T. in den Entwässerungsgräben, die nach oben abgedeckt wurden mit Bruchholz und Moos.

Mit der aussichtsloser werdenden Kriegslage stieg die Frequenz der Verordnungen, die über die Gemeinden, so auch über Groß Schönebeck hernieder regneten. So wurde ein Erlass ausgehängt, in dem es heißt:

“An verschiedenen Orten sind von den Polizeibehörden Vorschriften erlassen worden, die das Tragen von langen Hosen durch Frauen verbieten und unter Strafe stellen. Der Reichsführer SS und der Chef der deutschen Polizei hat persönlich befohlen, dass bei Zuwiderhandlungen solcher Vorschriften zurzeit jegliches Einschreiten zu unterbleiben hat.“ – Angesichts des strengen Winters war das Verbot ohnehin nicht durchsetzbar. Am 19.Februar 1945 wurden die Bürgermeister darauf hingewiesen, wie sie sich bei Feindannäherung zu verhalten haben:
“Verwaltungsbehörden, insbesondere Landräte, Bürgermeister und Regierungspräsidenten setzen ihre Tätigkeit bis zum letzten Augenblick fort und schließen sich dann der kämpfenden Truppe an. Männer, die besonders tapfere Haltung gezeigt haben, sind zu melden. Gegen Versager ist sofort scharf einzuschreiten. Sie sind des Amtes zu entheben und durch geeignete Männer zu ersetzen.“

Der sechsjährige Herbert Hunziger zog mit Mutter, Omas und Tanten mit einem Hundewagen los nach Nordwesten, zunächst mit den am 26. April 1945 von Groß Schönebeck abziehenden deutschen Soldaten, später, als den deutschen Truppen die Mitnahme von Zivilisten untersagt wurde, allein und zu Fuß. Unterwegs in Wittstock trafen sie die rumänische SS aus Groß Schönebeck, die auch nach Westen unterwegs war. Hunzigers kamen bis nach Putlitz, wo die Stadt brannte, die Schnapsfabrik bereits von enthemmten russischen Soldaten geplündert worden war und die Frauen vergewaltigt wurden Die sowjetischen Kommandanten versuchten die Ordnung mit drakonischen Maßnahmen wiederherzustellen und ließen drei russische Soldaten auf dem Marktplatz aufhängen, ein Bild, dass Hunziger noch heute vor Augen steht.

Edeltraut Tönnies, deren Familie seit 1890 das Dampfsägewerk Carl Wöpel und Sohn am Berliner Ortsausgang von Groß Schönebeck betrieben, machte sich mit ihrem auf zwei Fuhrwerke verteiltem Hausstand und zahlreichen weiteren Flüchtlingen auf und kam bis zur Elbe, wo sie auf einem Bauernhof Unterschlupf fand. Am 18. Juli 1945 kam sie wieder zurück nach Groß Schönebeck. Dort wurden ihr sogleich die Gespanne abgenommen, weil diese dringend zum Ernteeinsatz benötigt wurden.

Hildegard Aschermann und ihre Schwester Gertrud Feld waren nach Schluft geflohen. Zuvor hatten sie ihr Vieh geschlachtet und mit dem Geschirr vergraben, um es vor dem Zugriff der Russen zu schützen. So wie sie hatten viele Familien ihren Besitz vergraben, allerdings waren die sowjetischen Soldaten sehr erfahren darin, solche Verstecke aufzuspüren und haben fast alles gefunden.

Für Mutter, Tochter und Enkelin der Familie Mädel war es zu spät zur Flucht. Sie wurden erschossen in ihrem Haus südlich der Ortsgrenze in der Nähe des Lagers der rumänischen SS aufgefunden. Ob es eine Verzweiflungstat war, um den Besatzern nicht in die Hände zufallen oder eine Tat der marodierenden russischen Soldaten, ist nicht geklärt.

Andere, wie Inge Gäbler, flüchteten sich zunächst zu den ukrainischen Zwangsarbeitern, zu denen sie guten Kontakt hatten und die mit ihren Familien (Großeltern, Eltern und Kinder) selbst dem Einmarsch der sowjetischen Verbände mit gemischten Gefühlen entgegen sahen, nicht zu Unrecht, denn bereits am Tag nach dem Einmarsch der Russen wurden sie abtransportiert und in ihrer Heimat wie Verräter behandelt.

Der Voraustrupp der Russen kam mit seinen Panzerspitzen am 29.April um 16 Uhr an den unbesetzten Panzersperren und Gräber vorbei oder drüber hinweg aus Richtung Eichhorst und über die Joachimsthaler Straße in den Ort und schlug sein Hauptquartier zunächst in der Forstverwaltung in der Liebenwalder Straße auf, später zog der Kommandant ins Schloss.

Fritz Ast hatte sich mit seiner Familie in den Wald am Schinderberggestell geflüchtet. Als er noch zwei Kannen Wasser von zu Hause holen wollte, wurden er und sein Freund von der SS beschossen. Als er es am 30. April noch einmal versuchte, wurde er von den Russen geschnappt und musste in dem Gehöft an der heutigen Thälmannstr. 34, wo russische Soldaten zuvor gehaust hatten, ausräumen und das Geschirr abwaschen, das dort die Badewanne füllte. Als er dann müde in sein Elternhaus kam, fand er die Betten verdreckt und verlaust vor. Die Russen hatten auch hier das Versteck der Familie gefunden. Der Vater, der im Schützenverein gewesen war, hatte in der Kammer in der Scheune seine Schusswaffen und andere Wertsachenvergraben.

Die erbeuteten Güter stellten die Russen zwischen Böhmerheide und Groß Schönebeck im Wald auf. Dort wurden die Zimmer im Freien mit den Möbeln nachgebaut und bewohnt. Die „Zimmer“ waren umgrenzt und die Pferde der Offiziere wurden davor angebunden. Später wurden die Güter nach Russland abtransportiert – soweit sie nicht schon durch die Witterung zerstört waren.

todesmarsch

Gerda Mahrt, die langjährige Leiterin der Sparkasse, und ihre Schwester Ilse Röhr machten sich mit ihrer Mutter und einem Handwagen auf nach Westen in Richtung Rheinsberg. Unterwegs überholten sie die KZ-Häftlinge aus Sachsenhausen auf Ihrem Todesmarsch in Richtung Wittstock. In Rheinsberg wurden sie von den Russen eingeholt und von Tieffliegern beschossen. Dabei wurde eine Tochter und Schwester von „Schichten“ - Grassow von der Bäuerliche Handelsgesellschaft Groß Schönebeck erschossen und die Schwestern getrennt. Während Ilse Röhr und die Sparkassenkollegin von Gerda nur bis Boitzenburg an der Elbe kamen und dort das Kriegsende abwarteten, weil sie nicht mehr über die Elbe übersetzen konnten, gelangte Gerda Math mit ihrer Mutter bis nach Lübeck, wo sie viele andere Groß Schönebecker traf.

In Lübeck hatte ihr Bruder zuvor auf dem Flugplatz gedient, bevor dieser nach Vechta verlegt worden war und bei einer Familie Schwarz gewohnt. In Vechta lebte auch seine Frau. Deshalb macht sich Gerda Mahrt dorthin auf den Weg. Der Bruder war in Schleswig-Holstein in Gefangenschaft geraten und im Gefangenentransport durch Lübeck gekommen. Bei der Fahrt durch den Lübecker Hauptbahnhof hatte er einen Zettel aus dem Zuge geworfen, um seinen ehemaligen Vermieter in Lübeck darüber zu informieren, dass er nach Vechta gebracht werde, damit dieser auch seiner Frau Nachricht geben konnte. Diesen Zettel übergab eine Schwester von der Bahnhofsmission die Gerda Math, als diese am Bahnhof nach der Familie Schwarz fragte. Nach einem Besuch bei der Familie machte sich die Mutter von Lübeck aus nach Vechta auf, um dort bei ihrer Schwiegertochter auf die Freilassung ihres Sohnes zu warten. Der arbeitete nach seiner Entlassung zunächst in Vechta als Schneider und nähte aus Lazerettdecken Kleidung.

Gerda Mahrt ging in der Hoffnung zu ihren Schwiegereltern, die in Schleswig-Holstein wohnten, von Ihrem Mann Nachricht zu erhalten. Dessen letzten Brief hatte sie im März 1945 aus Kroatien erhalten. Später zeigte sich, dass sie nie wieder von ihm hören sollte. Bei den Schwiegereltern verbrachte sie den Winter und reiste im Frühling über mehrere Stationen wieder zurück nach Groß Schönebeck, wo sie am 1. Mai 1946 wieder eintraf. Zunächst musste sie in ein Quarantänelager, dass im ehemaligen Reichsarbeitsdienstlager am Sportplatz in Groß Schönebeck eingerichtet worden war. Dort wurde sie von ihrer Schwester Ilse durch den geschlossenen Zaun versorgt. Ihre Mutter war bereits im Oktober 1945 heimgekehrt, indem sie mit einem Mehltransporter über die Grüne Grenze geschleust wurde und sich dann nach Groß Schönebeck durchgeschlagen hat.

In Ihrem Haus fanden sie noch ihre Ziege im Stall vor, auf dem Dachboden war noch die Zentrifuge zum Butter machen und etwas Korn, das sie schwarz (denn es musste alles Getreide abgeliefert werden) bei Hermann Wiegand in der Mühle mahlen konnten. Pflicht schuldigst ging Gerda Mahrt auch wieder in die Sparkasse, deren Schlüssel sie auf der Flucht mitgenommen hatte. Der Tresor war unversehrt, nur ihr Schreibtisch war aufgebrochen worden. Sie begab sich zur Bezirksverwaltung der Sparkasse nach Bernau und legte den Tresorschlüssel vor. Dort sagte man ihr, sie solle sich wieder in die Filiale begeben und dort nach dem Rechten schauen. Ihr Lehrling, der in Groß Schönebeck geblieben war, hatte dort bereits aufgeräumt und die Spuren der dort unter primitivsten Bedingungen (es gab keine Toiletten) inhaftiert gewesenen Gefangenen der Russen, die unter NS-Verdacht gestanden hatten, entfernt und sich dabei mit Typhus infiziert. Trotz des vorhandenen Schlüssels musste der Tresor von Herrn Gellert aufgeschweißt werden, da die Russen den Schreibtischschlüssel im Schloss abgebrochen hatten, da sie ihn für den Tresorschlüssel hielten. Geld, Papiere und Stempel waren vorhanden und so konnte Gerda Mahrt den Sparkassenbetrieb wieder aufnehmen, zunächst jeweils einen Tag in Zerpenschleuse und einen in Groß Schönebeck.

Christa Staberow erzählt, dass sie von deutschen Soldaten aufgefordert worden waren, mit ihnen zu fliehen. Da sie zusammen bleiben wollten, nachdem sie ihr Vieh geschlachtet und die Wertsachen vergraben hatten, flüchteten sie sich mit der Mutter und dem Onkel aus Schluft in den nahe gelegenen Wald und stellten dort Fahrräder und Koffer ab. Im Entwässerungsgraben gab es einen provisorischen Bunker gebaut, in dem sie mit anderen Einwohner von Schluft einige Tage hausten. Christa Staberow wollte aber wieder zurück ins Dorf und sagte: „Mutter, die Russen sind ja auch Menschen.“ Und ging zurück ins Dorf, wo die Uhren weg, der Plattenspieler an und das Haus voller Russen war. Christa Staberow und ihre Mutter zogen in die Böttcherwerkstatt ihres Hauses und verständigten sich mit dem deutschsprachigen russischen Major. Der forderte von ihr: „Sorgen Sie dafür, dass die Kinder von der Straße kommen und etwas lernen!“ Damit begann der Schulunterricht in Groß Schönebeck am 12. Juni 1945 wieder in der alten Schule an der Kirche, zeitweise nutzte man auch Teile des ehemaligen Reichsarbeitsdienstlagers bis 1948 das heutige Schulgebäude der Schorfheide-Stiftung mit später anschließendem Neubau übernommen werden konnte. Christa Staberow zur Seite standen Erika Kolakowski, die auf der Flucht nach Groß Schönebeck gekommen war, die ehemalige Schulsekretärin Frau Bornemann und Ingrid Specht. Erster Schulleiter war Herr Wolfram, der kein Nazi war und zuvor sein Amt verloren hatte, aber in Groß Schönebeck geblieben war und nun zur Verfügung stand. Ende 1945 kam Erich Triloff, der 1933 von den Nazis vertriebene Reformpädagoge als Schulleiter dazu - aber das ist eine andere Geschichte.


alteschule gemeindehausAlte Schule im Gemeindehaus neben der Kirche

Aus Groß Schönebeck waren nicht nur sehr viele geflohen – manche zeitweise, andere für immer, wie der damalige NS-Ortsgruppenführer und Schulleiter Mühlbach. Es sind aber auch nach Kriegsende viele Flüchtlinge aus Ostpreußen und 12 Familien aus den Sudeten aufgenommen worden und z.T. für immer hier geblieben, wie z.B. Helene Liepner, die 1948 u.a. mit vier weiteren Familien aus Königsberg und Stettin kam und in den Gasthof „Zur Sonne“ (heute: „Präsident“) einheiratete.

Am 6. Mai 1945 hielt der sowjetische Kommandant, nachdem alle Überlebenden vom Gemeindediener zusammengetrommelt worden waren, eine Rede, in dem er die Menschen aufforderte, Ruhe und Ordnung zu bewahren und Fotoapparate, Radios, Gold und Waffen in der Kommandantur abzugeben. Aus Furcht, als NS - nahe oder als Funktionsträger verdächtigt zu werden, gaben aber nur wenige ihre Jagdwaffen oder von abziehenden Soldaten zurückgelassenen Gewehre und Pistolen ab, sondern warfen sie in den Wald, einen See oder vergruben sie. Außerdem verkündete der russische Major die Einführung einer Sperrstunde. Übergriffe seiner Soldaten sollten in der Kommandantur gemeldet werden. Sein außergewöhnlich gut deutsch sprechender Adjutant fuhr mit seinem Motorrad mit Beiwagen Streife durchs Dorf und half, wenn es Zwischenfälle gab. Als die Kosaken in einem Haus die Tür einschlugen, um zu den verängstigten Frauen zu kommen, sprang Inge Gäbler aus dem Fenster und rannte in Richtung Kommandantur. Unterwegs begegnete sie dem Adjutanten des Majors, der mit ihr zum Haus zurückfuhr und sich mit aller Schärfe der Kosaken annahm. Otto Gildemeister, der mit der weißen Fahne den Ort übergeben haben soll (andere sagen, es sei Willi Schulz gewesen), wurde als erster Bürgermeister einsetzt, amtierte aber nur bis zum Juli, da seine Parteimitgliedschaft bei der NSDAP bekannt wurde.

Wichtigste Aufgabe der Kommandantur war es aber, die Ernährung sowohl der eigenen Truppen wie auch der Bevölkerung sicherzustellen. Die Felder mussten bestellt und später abgeerntet werden. Zunächst wurden alle Kornvorräte eingesammelt und rationiert, die Mühlen in Gang gesetzt und Lebensmittel verteilt. Gemeinsam arbeiteten Deutsche und Russen auf den Feldern. Man kam sich dabei näher und es kam ein lebhafter Tauschhandel in Gang, der bis zum Abzug der russischen Truppen 1994 anhalten sollte. Begehrt waren Schnaps, Radios, Uhren, Mokkalöffel und Gold. Verkauft wurde von den Russen Benzin aus Kanistern oder sogar aus Tankwagen. In den letzten Jahren fanden auch viele Waffen, Ausrüstungsgegenstände und Fahrzeuge vom Flughafen Groß Dölln aus, wo die Russen den Lufttransport ihrer Westgruppe in die Heimat organisierten und von wo aus auch manches Westauto eine nicht vorbestimmte Flugreise antrat, ihren Weg in zum Teil dunkle Kanäle.