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Die bekannteste und erfolgreichste Kaufhalle der DDR: „Berliner Bier – gab’s nur hier“ oder: Tausche Kühlschrank gegen Ferienplatz

Geschrieben von Rainer Klemke am . Veröffentlicht in Geschichte

Ein Mekka

 

(von einer Kundin)

Ein Wallfahrtsort besonderer Art

Verhältnismäßig auch apart

Ein schöner Vorhof – glatt und eben -

Kann jedem schon Entspannung geben.

Und zur Bequemlichkeit, mein Lieber,

ist der Parkplatz gegenüber.

Du ahnst es schon – des Mekkas Sinn

Man fährt nicht um zu beten hin.

Der Wallfahrtsort Groß Schönebeck

Dient scheinbar einem andren Zweck:
Das Mekka ist in diesem Falle

Die große Selbstbedienungshalle.

Herr Honecker ließ auch hier kaufen,

brauchst nicht woanders hinzulaufen.

Das Angebot war riesengroß,

auch seltene Sachen gibt’s, ganz famos,

z.B. Schweizer Käse,

auch gute Biere, ei der Daus,

trägt man gleich kistenweis hinaus.

Im weiten Umkreis nach der Superhalle.

Der Mensch sucht doch das selten Rare

Und donnerstags gibt’s neue Ware.

Groß Schönebeck hatte auch zu DDR-Zeiten viele Attraktionen: die malerischen Seen und die endlosen, pilzreichen Wälder, das königliche Jagdschloss der Preußen – wenngleich es als Büro und Kantine der Forstverwaltung genutzt wurde - und die Feldsteinkirche mit dem wuchtigen Wehrturm aus dem 30jährigen Krieg. Die Jagdsitze von Horst Sindermann, Günter Mittag und Erich Honecker hätten es sein können, wenn sie nicht so streng bewacht und unzugänglich gewesen wären. Keine Attraktion des „Tores zur Schorfheide“ aber zog so viele Besucher an wie die Kaufhalle im Dorfzentrum. Sie war in der ganzen Republik bekannt und bevorzugtes Reiseziel, egal, ob man aus Plauen, Eisenach oder Wismar kam. Diszipliniert reihte man sich in die Schlange ein, die an besonderen Tagen in Viererreihen vom Eingang der Halle mehr als 100 m bis zur Kirche in der Liebenwalder Straße reichte. Alle warteten geduldig, bis sie einen der wenigen Einkaufswagen bekamen und damit in die Halle durften. Wollte man ohne Einkaufswagen hinein, wurde man streng darauf hingewiesen, dass das nicht zulässig sei. So erging es auch dem Honecker-Vertrauten und Reichsbahnchef Robert Menzel, der am Großen Lotzin-See seinen Landsitz hatte und häufig in der Halle einkaufte.

Der Ruf der Groß Schönebecker Kaufhalle trug weit und es soll sogar vorgekommen sein, dass Grenzer am Übergang Bahnhof Friedrichstraße nach einem Blick in die Tasche eines Reisenden verständnissinnig nickten und sagten „Ja, in Groß Schönebeck gibt es eine gute Kaufhalle“.

Doch der Reihe nach:

Im Jahre 1974 gab es eine Initiative des Groß Schönebecker Bürgermeisters Werner Ludwig, der Kreisleitung der SED und der Verantwortlichen des Rates des Kreises Bernau, in Groß Schönebeck eine Kaufhalle nach dem Muster derer in Finow zu bauen. Diese sollte nicht nur Lebensmittel, sondern ein Vollsortiment einschließlich Industriewaren anbieten. Damit sollten nicht nur die Einwohner versorgt werden, sondern auch das Gefolge der zahlreichen Staatsjagdgäste, die mit Erich Honecker durch die Wälder streiften oder im Gästehaus der SED am Döllnsee oder auf Hubertusstock konferierten. Vorgesehen für die Leitung der Halle war der Wandlitzer Bereichsleiter des Konsum, Horst Mroncz, der bis 1992 die Zügel in der Hand behielt.

Der gebürtige Leipziger, der seit 1968 in Wandlitz arbeitete, stellte von Anfang an selbstbewusst klare Bedingungen. Die Halle müsste wesentlich größer werden. Alle anderen Geschäfte in Groß Schönebeck müssten schließen, deren Mitarbeiter unter Anrechnung ihrer erworbenen Dienstanwartschaften übernommen werden. Wichtigster Punkt jedoch war die direkte Belieferung aus Berlin und nicht über Straußberg, weil er keine Halle mit leeren Regalen leiten wollte.

deutscheshaus
Ehemaliger Gasthof „Deutsches Haus“ und BHG, der der neuen Kaufhalle an der Liebenwalder Straße Ecke Schlufter Straße weichen musste

Die bisher an dieser Stelle im mittlerweile maroden ehemaligen Gasthof „Deutsches Haus“ angesiedelte BHG musste an den Bahnhof ziehen und das Gebäude gegenüber von Liepner’s Gasthof abgebrochen werden. In 6 Monaten sollte die Halle, weitgehend aus Betonfertigteilen errichtet werden und im April 1975 war Baubeginn. Pünktlich zum Republikjubiläum am 7. Oktober 1975 war sie fertig und wurde vom Bürgermeister, Ratsvorsitzendem, Bezirks- und Ministeriumsvertretern mit Blasmusik und Band durchschneiden festlich eröffnet. Noch in der Nacht zuvor war der Bürgersteig gepflastert worden, damit die Eröffnungsgäste nicht durch Staub und Schlamm gehen mussten. In vielem hatte sich Horst Mroncz durchgesetzt, hinsichtlich der Größe, die er für nötig hielt, nicht ganz und bei der Belieferung von der Berliner Zentrale, die er für unverzichtbar hielt, gar nicht.

Es kam dann so, wie von Mroncz vorausgesagt, die große neue Halle war immer wieder ausverkauft und das Personal paradierte vor leeren Regalen. Das ging so, bis am12. Februar 1976 kurz nach 18 Uhr zwei Jäger an die Glastür pochten und Einlass verlangten. Mroncz wollte sie zunächst zurechtweisen, dann alarmierte ihn Inge Braune aber, dass es zwei sehr prominente Groß Schönebecker waren, nämlich Dr. Günter Mittag, der am Tremmer See im Ortsteil Schluft den Landsitz des NS-Reichsbauernführers Richard Walter Darré übernommen hatte und Erich Honecker, der an den Pinnow-Seen sein Jagdhütte hatte.

die halle

Mroncz ließ die beiden hohen DDR-Repräsentanten (Staatsratsvorsitzender und oberster Wirtschaftslenker der DDR) ein und zeigte ihnen die neue Kaufhalle mit ihren leeren Regalen. Bei einem vietnamesischen Reisschnaps aus der eisernen Reserve des Kaufhallenleiters kam man sich näher und besprach die mangelnde Versorgung dieser neuen Vorzeigehalle. Erich Honecker fragte, warum die Halle so leer sei und was Mroncz an Lieferungen brauchen würde. Der sagte, dass er diese Halle nur dann kundengerecht führen könne, wenn er direkt aus Berlin mit allen Konsumgütern und Lebensmitteln und aus der modernen Fleischwarenfabrik Eberswalde mit Fleisch bevorzugt beliefert werden würde. Darauf fragte Honecker Günter Mittag, ob denn das gehe und der antwortete: „Geht, geht.“ Daraufhin erhielt Mroncz den Auftrag, bis zum nächsten Morgen eine Aufstellung zu machen, was er denn alles benötige. Diese Liste holte am nächsten Tag ein Bote des Ministeriums ab. Unmittelbar darauf erschienen die Verantwortlichen des Ministeriums und waren über den direkten Kontakt und den Erfolg von Mroncz höchst verärgert. Da aber Honecker seine und Mittags Telefonnummer hinterlassen hatte, wo Mroncz anrufen sollte, wenn irgend etwas nicht klappt, musste die Arbeitsebene nun spuren und so gab es hier seither das haltbare und wohlschmeckende Berliner Bier, immer frisches Obst und Gemüse, auch Südfrüchte wie Apfelsinen, Bananen und Zitronen, zumindest in der Saison. Es gab Kühlschränke, Waschmaschinen, Küchen- und Arbeitsgeräte, Schubkarren und Badewannen, Toilettenbecken und Ananasdosen, sogar Sahnesyphons und Allesschneider, also Waren, die in der DDR „Bückware“ gewesen sind und anderswo nur mit Beziehungen und im Tauschhandel zu bekommen waren. Die Großgeräte waren zwar nur periodisch zu haben, aber man konnte sich in Listen vormerken lassen und erhielt dann Nachricht, wenn die nächste Lieferung eingetroffen war. Wenn dann ein Anruf aus Dierhagen oder vom Rennsteig kam, dass das Gerät kaputt sei, diese Anrufer aber nicht auf der Liste gestanden hatten, war dann klar, dass der Eine oder Andere seinen Ferienplatz mit einem Kühlschrank oder einer Wäscheschleuder bezahlt hatte.

Wegen des großen Ansturms auf die Kaufhalle in Groß Schönebeck musste Mroncz trotz guter Versorgung auch rationieren. Kam z.B. ein ganzer Lastzug mit neuen Kartoffeln, wurde an jeden Kunden nur ein 2,5 Kilo - Netz ausgegeben und trotzdem war alles allein am Samstag ausverkauft. Wer sich darüber beschwerte und mehr haben wollte, der wurde darauf hingewiesen, dass er überhaupt nur deshalb ein Netz bekommen könne, weil eine solche Regulierung erfolgt sei.

Im Zentrallager in Berlin musste immer eine Reserve z.B. von Orangen für die besonderen Einkaufsstellen von Partei und Armee zurückgehalten werden. Manchmal drohte dabei alles schlecht zu werden und so gab es gelegentlich Anrufe am Freitagnachmittag bei Mroncz. Er könne einen Lastzug voll Obst haben, wenn er sich die Ware selbst abholen könne. In der Ware-Ware-Handelsgesellschaft, die die DDR darstellte, kannte sich Mroncz aus und kam mit einem Pferdetransporter des Gestüts Sarnow und holte Orangen oder Gemüse aus Berlin. Er ließ das Brauchbare aussortieren und am Sonnabend war schon alles wieder bei ihm ausverkauft. Gelegentlich gab es aber nur drei Kisten ungarische Salami. Was sollte er ein so geringes Kontingent Hunderten von Kunden anbieten? Er bekam zwar alle 2 Jahre einen neuen Trabant-Dienstwagen und einen B 1000-Transporter (von dem alten abgelegten Wagen

kaufhalle
Blick in die Kaufhalle

profitierte dann die Kosumorganisation). Aber wenn die Fahrzeuge kaputt waren, half ein Schinken, ihn schnell wieder flott zu machen.

Unabhängig von den regulären Aufkaufstellen, kaufte auch die Groß Schönebecker Halle z.B. Eier und Pflaumen bei den Erzeugern ein, die ihre Produkte anschließend für einen Bruchteil des Erlöses am Tresen erwerben konnten. Sehr gefragt war Wild aus der Schorfheide, das in der Fleischerei von Karl Fenker aus der Decke geschlagen und in der Kaufhalle zerlegt und verkauft wurde.

Da auch der Nachschub der Groß Schönebecker Kaufhalle in der Mangelgesellschaft DDR endlich war, sorgte die Geschäftsführung dafür, dass z.B. durch einen Sonderverkauf die Dosenfrüchte und sonstige Zutaten für die großen Jugendweihefeiern in die richtigen Hände kamen. Traditionell gab es am Sonntag vor Weihnachten einen großen Sonderverkauf, für den Mroncz schon lange vorher besondere Waren heranschaffen ließ, die normale DDR-Bürger aus anderen Regionen an ein Schlaraffenland glauben ließ.

einkaufsausweis

Die Groß Schönebecker profitierten zwar sehr von dem außergewöhnlich guten Versorgungsangebot ihrer Kaufhalle, allerdings regte sich doch wachsender Unmut darüber, dass sie selbst wegen des republikweiten Zuspruchs – vor allem in der Urlaubszeit und vor den Feiertagen – Schwierigkeiten hatten, in die Kaufhalle zu gelangen und besondere Artikel dort erwerben zu können. Deshalb setzte Bürgermeister Albrecht Gläsel durch, dass es einen so genannten „Einwohnerkaufsausweis zum bevorzugten Erhalt eines Einkaufswagens im EKZ Groß Schönebeck“ gab, der eine bevorzugte Bedienung der Groß Schönebecker Bürgerinnen und Bürger sicherstellen sollte. Davon hielt Mroncz nicht viel und verwies darauf, dass es ja gerade die Groß Schönebecker seien, die am meisten von dieser Kaufhalle profitierten und dass er, wenn Hunderte Kunden vor der Tür ständen, nicht sortieren könne, wo die Käufer herkämen, da hätte es Mord und Totschlag gegeben und er Polizeischutz anfordern müssen. Kompromiss war schließlich, dass die Ausweisinhaber unter der Woche bevorzugt wurden, während am Wochenende alle einen Einkaufswagen erstehen konnten.

Wegen der außerordentlichen Bekanntheit und Attraktivität war die Kaufhalle in Groß Schönebeck auch häufiges Ziel von Einbrüchen. Die Scheiben wurden eingeschlagen, Türen aufgebrochen und sogar durchs Dach kamen die Diebe (die auf diesem Weg allerdings nicht allzu viel wegtragen konnten). Durch die Alarmanlage wurde schnell Personal herbeigerufen und fast alle Einbrecher überführt. Nur einmal gelang das nicht, als mit einem LKW eines Nachts große Mengen aus dem Lager entwendet wurden. Den Anwohnern kam der nächtliche Ladeverkehr nicht weiter verdächtig vor, da wegen des außerordentlich hohen Warenumsatzes zu allen möglichen Zeiten Fahrzeuge auf den Hof fuhren. Ehe man diesen Räubern auf die Fährte kommen konnte, war er schon über die zu diesem Zeitpunkt noch offene polnische Grenze verschwunden. Wie überhaupt viele Polen in Groß Schönebeck groß einkauften, vor allem Dauerwurst und Spirituosen, die dann auf dem Polenmarkt in West-Berlin wieder auftauchten und in DM umgesetzt wurden. Natürlich gab es auch Ladendiebstahl, auch von prominenten Kunden, aber man kannte sich und regelte das diskret. So gelang es, trotz des unglaublichen Kundendurchsatzes in der rund 500 qm großen Verkaufsfläche und oft bis an die Decke hoch gestapelten Waren und Bierkisten, die Schwundquote auf 3-4000 Mark pro Jahr zu drücken.

einkaufsteam
Das Verkaufsteam der Kaufhalle 1976

Diese großen Umsatzmengen – allein an Bier wurden pro Woche drei Lastzüge mit Hänger ausverkauft – auf geringer Fläche erforderte einen höchst intensiven Personaleinsatz und immer neue Anbauten, um die Waren zu lagern. Bis zu 65 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter packten aus und schleppten die Kisten in die Halle, gaben die Ware aus und verkauften an der Fleischtheke, wo ein eigener Fleischermeister wirkte. Da musste jeder kräftig mit anpacken und auch nicht auf die Zeit sehen, wenn frische Ware geliefert wurde. Unter diesem großen Personalstamm war auch der oder die eine oder andere, denen Mroncz kündigen musste, weil ihre Arbeit oder Arbeitseinstellung nicht so war, wie es eine derart angespannte Verkaufsorganisation gefordert hat. Da kam es dann vor, dass er jemand wieder einstellen musste, weil dieser auch bei der Stasi im Dienst war und ein Auge auf diesen wichtigen Betrieb zu werfen hatte. Das erklärte dann auch, dass man im Ministerium immer bestens auch über alle internen Vorgänge und Gespräche in der Kaufhalle informiert war.

Die Brigadebücher des vielfach ausgezeichneten Kollektivs mit dem Ehrennamen „IX. Parteitag“ bilden einen Querschnitt durch den Alltag in der DDR: Planerfüllung (hier : kontinuierliche Übererfüllung) ab: Solidarität mit Louis Corvalan, das Treffen des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker mit dem sowjetischen Staatschef Breshniew oder dessen Gespräch mit dem US-Präsidenten (und die Hoffnungen, die sich damit verbanden) wurden im Brigadebuch ebenso festgehalten wie die Weihnachts- und Jubiläumsfeste, die Patenschaften mit Schulklassen oder die Vorschläge der Neuererbewegung. Stolz wurden die fortlaufenden Umsatzanstiege und die geringen Verlustquoten nach der Inventurfeststellung vermeldet. Die Betriebsausflüge in den Harz, nach Berlin, Weimar und nach Warnemünde, die Geburtstage Lenins und Ernst Thälmanns finden sich hier in Wort und Bild ebenso gewürdigt wie Dienstjubiläen und das Nuklearabrüstungsabkommen zwischen Ronald Reagan und Michael Gorbatschow vom Juni 1988. Im Brigadebuch heißt es dazu: „Für unsere Begriffe sind Gorbatschow und Reagan zwei Staatsmänner, die fair und Energie geladen sind, trotz nicht ausbleibenden Meinungsverschiedenheiten, sich immer ihrer schweren Verantwortung der Welt gegenüber bewusst bleiben. Sie sind einen Schritt weiter gekommen, wir hoffen, dass mit Ausdauer und Vernunft dieser gute Weg weiter geführt wird“. Genau ein Jahr zuvor hatte Ronald Reagan vor dem Brandenburger Tor in Berlin gefordert: "Mister Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer ein!" Was damals als freundliche, vielleicht etwas naive Geste dem Gastgeber Deutschland gegenüber gewertet wurde, gilt heute als visionär und sollte auch die Zukunft der Kaufhalle entscheidend verändern.

Die heute immer noch sehr erfolgreiche Kaufhalle, die im Rahmen der EDEKA - Verkaufsorganisation arbeitet, muss ihren Umsatz nun mit 9 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern (einschließlich Auszubildende) auf einer vergrößerten Verkaufsfläche und einem deutlich ausgeweiteten, wenngleich vor allem auf Lebensmittel konzentrierten Sortiment erwirtschaften – und sich dabei gegen die Konkurrenz der anderen Ladenketten und Billig-Discounter auch im Ort selbst und den Nachbarorten behaupten. An den wirtschaftlichen Erfolg infolge der einzigartigen Monopolstellung zu DDR-Zeiten kann man jedoch nicht anknüpfen: Bei der Planung der Halle war Mroncz 1975 von einem Zieljahresumsatz von 2,5 Mio. Mark der DDR ausgegangen. Gegen Ende der DDR hatte er einen Jahresumsatz von 26 Mio. Mark der DDR und es gab Tage, da musste er Tageskassen von 150.000 M und mehr zur Bank schaffen und sichern. Für alle Beteiligten in der Halle, beim Rat des Kreises, im Bezirk und im Ministerium war das ein Segen, weil nun jeder in der Kette der Verantwortlichen Jahr für Jahr die Prämien für die jeweils übertroffenen Umsatzziele erhielten.

edeka
Der EDEKA-Markt in der Kaufhalle der Konsum-Organi-sation heute

Nach der Öffnung der Mauer zeigten sich Mroncz und die Schönebecker Kaufhalle der Zeit gewachsen und machten ihren Kunden schon ab November ein außergewöhnliches Angebot: Mroncz fuhr mit dem B 1000 zur REWE nach West-Berlin und kaufte dort gegen eine Kaution Waren auf DM-Basis ein, die er an einem besonderen Stand in der Kaufhalle zu DM-Preisen anbot. Damit sammelte er das Begrüßungsgeld oder sonstige Westgeldbestände („Blaue Kacheln“, wie Westgeld in Tauschanzeigen in DDR-Zeitungen verschlüsselt genannt wurde) von seinen Kunden wieder ein und diese mussten nicht nach Berlin fahren, um Westkaffee und Bananen zu erwerben. Allein in diesen Tagen konnte er einen Umsatz von 5.000 DM machen und setzte dies bis zur Einführung der DM in der DDR im Juli 1990 erfolgreich fort. Zuvor war ihm nahe gelegt worden, die Westwaren über die Außenhandelsorganisation von Schalk-Golodkowski, der privat unweit von Groß Schönebeck am Gollinsee residierte, zu beziehen. Das lehnte er allerdings ab, weil er dort einen Aufpreis zahlen sollte.

Bei einer seiner Touren nach West-Berlin wurden Mroncz und sein Fahrer sogar zu „Grenzverletzern“. Sie hatten bei der REWE frische Südfrüchte geholt und wollten an der Bornholmer Straße wieder in die DDR einreisen. Dies untersagte ein DDR-Zöllner und verwies auf den staatlichen Außenhandel der DDR, über den er seine Waren zu beziehen hätte. Sie sollten die Ware zur REWE zurück bringen. Daraufhin machten sie kehrt und fuhren zum Übergang Invalidenstraße. Als dort der Wagen in der Schlange vor ihnen ähnlich restriktiv kontrolliert wurden wie sie zuvor an der Bornholmer Straße, gab Mroncz seinem Fahrer Weisung, einfach loszufahren, wenn sie dran wären – glücklicher Weise waren die Zöllner zu diesem Zeitpunkt schon sehr verunsichert und schauten nur verdutzt hinterher, so dass dieses gewagte Manöver im Dienste des Kunden folgenlos geblieben ist.

Zum Tage der Währungsreform war mit der REWE verabredet, das ganze Sortiment für die Kaufhalle auf Westware umzustellen und diese rechtzeitig anzuliefern. Alle Mitarbeiter standen bereit, sie in die Regale zu sortieren und die Neueröffnung vorzubereiten. Aber die LKWs wurden nicht durch die Grenze gelassen und kamen erst zwei Tage später nach Groß Schönebeck. REWE hatte angeboten, die Waren 10% günstiger als die Konkurrenz zu liefern (zumindest zunächst), allerdings nur an die großen Hallen des Konsum. Da dieser damals – vor allen in den kleinen Orten (wie hier z.B. in Böhmerheide, Liebenthal, Hammer und Schluft) noch viele kleine Verkaufsstützpunkte hatte, machte dann aber die EDEKA als Partner der Konsummärkte das Rennen, weil sie auch alle kleinen Geschäfte mit Ware versorgte.

Noch heute ist die „Kaufhalle“ – wie sie nach wie vor genannt wird – Mittelpunkt des Ortes, Nachrichtenbörse und Treffpunkt der alteingesessenen Schönebecker wie auch der „Tonnenscheißer“ (wie die Schönebecker die Ferienhausbesitzer nennen) und der zahlreichen Wanderer und Radler, die sich auf ihrer Tour durch die Schorfheide hier versorgen. Renate Hilliger, die 1977 – also vor 30 Jahren – in der Kaufhalle angefangen hat, leitet heute einen modernen Betrieb und kann dabei an den Erfolg von Horst Mroncz und seiner Mitarbeiter anknüpfen, der schon in der DDR ein überaus modernes Marktkonzept entwickelt hatte.

Am 25. Mai 2016 begann nun der Abriss der in die Jahre gekommenen Kaufhalle, die den modernen Ansprüchen an Fläche, Komfort, Ausstattung und Größe nicht mehr entsprach. Nebenan wurde am 24. Mai 2016 der neue, größere und gut ausgestattete EDEKA-Markt eröffnet und vom Publikum begeistert angenommen. Trotzdem erinnerten sich viele, die z.T. ihr Leben lang hier einkauften und die Nachbarn aus dem Dorf trafen, an die alte Kaufhalle, an so manchen Versorgungs-Mangel, der trotz der privilegierten Belieferung im ehemaligen Jagdgebiet der DDR-Oberen herrschte, aber auch an gemeinsam Durchlebtes und Erlebtes in Freud und Leid in der Geschichte des Schorfheidedorfes.

Beim Abriß der alten Kaufhalle für die Anlegung eines Parkpülatzes stießen die Bauarbeiter auf archäologische Schätze. Die herbeigerufenen Experten des Landesdenkmalamtes übernahmen die weiteren Grabungen und förderten Funde zu Tage, die eine "Zeitreise durch 2500 Jahre" ans Tageslicht brachten, wie die MOZ titelte. Danach datieren die ältesten Funde, eine Keramik aus der Eisenzeit, auf ein Alter von bis zu 500 v.Chr. Daneben wurden u.a. auch Münzen aus dem Mittelalter, eine Musketenkugel, Teile einer Armbrust, ein Taufring und ein Brunnen freigelegt. Außerdem wurden Grundrissen von z.T. brandzerstörten Gebäuden gefunden, die das Leben an der Kirche nachzeichnen lassen. Die aufgefundenen Exponate werden gewaschen, untersucht, katalogisiert und kommen in das Landesamt für Denkmalpflege nach Wünsdorf (Teltow-Fläming). Ob sie späterhin auch im Museum im Groß Schönebecker Jagdschloß die dortige Ausstellung zur Ortsgeschichte bereichern werden, ist noch nicht bekannt. Die Bergungsarbeiten dauern noch bis Ende POktober 2016. Dann wird dort der neue Parkplatz des EDEKA-Marktes angelegt.

Insofern schreibt die alte Kaufhalle sogar über ihren Bestand hinaus Ortsgeschichte in Groß Schönebeck.