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DDR-Prominenz in Groß Schönebeck

Geschrieben von Rainer Klemke am . Veröffentlicht in Geschichte

Groß Schönebeck hatte bis in die DDR-Zeit hinein ein sehr vielfältiges Angebot an Gaststätten, die teilweise schon um 9 Uhr öffneten und den durstigen oder hungrigen Handwerker, Bauer oder Wanderer bedienten. Acht bzw. elf Gaststätten (zählt man die Ortsteile Böhmerheide, Klandorf und Schluft dazu) sorgten dafür, dass niemand hungern oder dürsten musste. Auch die prominenten Funktionsträger der DDR, die in der Schorfheide zur Jagd gingen, kehrten hier mit ihren Begleitern ein. SED – Wirtschaftssteuerer Günter Mittag feierte in froher Runde in der Gaststätte „Zur Sonne“ (heute „Präsident“) seinen Geburtstag und riskierte mit der Gastwirtin Helene Liepner, die am selben Tag Geburtstag hatte, ein flottes Tänzchen – allerdings war es streng untersagt, davon ein Bild zu machen. Für gewöhnlich konnte man Mittag vor oder nach Jagdausflügen im Gasthaus des Nachbarorts Kappe treffen, wo er in froher Runde ausgiebig geistigen Getränken zusprach. Dieses Gasthaus hat er allerdings ab dem Zeitpunkt nicht mehr betreten, als er hochgradig angeheitert eine Frau beschuldigte, seine Geldbörse entwendet zu haben und es zu einem förmlichen Polizeiverfahren kam. Die Börse fand sich schließlich in seinem Fahrzeug und er wurde wegen ungerechtfertigter Anschuldigung verwarnt.

Mittag residierte nördlich des Ortsteils Schluft am Tremmer See und hatte dort Mitte der 60er Jahre das Anwesen des aus Argentinien stammenden ehemaligen NS-Reichsbauernführers Richard Oscar Walther Darré, der sich hier in der Nähe des zweitmächtigsten Mann der NS-Diktatur, Hermann Göring, angesiedelt hatte,übernommen. Der nationalsozialistische Agrartheoretiker leitete außerdem das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS und sah den Bauernstand als den Kern der neuen "Herrenrasse".

Mittags zweistöckiges Haus war überreichlich mit Geweihen dekoriert, neben einem Garagenkomplex hatte er hier ein Bootshaus für sein Motorboot. Wie ein Tempel trohnte auf einer Anhöhe seine Sauna.

Nachdem ihm wegen einer schweren Zuckererkrankung beide Unterschenkel amputiert werden mussten, ließ er alle jagdlichen Anlagen behindertengerecht umbauen. Diese Sonderkonstruktionen sind jetzt noch im Forst zwischen Tremmer See und Liebenthal zu sehen. Neben seinem Grundstück war ein überdachter Hochsitz in Sichtweite einer reichlich bedienten Futterstelle, so dass er das Wild bequem vor die Flinte bekam.

Mittag war mit Alexander Schalck-Golodkowski (Leiter von KoKo und Staatssekretär im DDR-Außenhandelsministerium) angesehener Gesprächspartner von Politikern und Wirtschaftsmanagern der Alt-Bundesrepublik. Da sich Schalck-Golodkowski nur wenige Kilometer entfernt am Gollinsee niedergelassen hatte, haben die beiden hier in der Schorfheide nicht nur über die Jagd gesprochen, sondern auch so manches Projekt auf den Weg gebracht, wie den Milliardenkredit, den Franz-Josef Strauß Anfang der 80er Jahre der DDR gewährte und damit die Fortsetzung der sozialpolitischen Leistungen der DDR an ihre Bürger ermöglichte. Vor allem aber versorgte Schalck-Golodkowski Günter Mittag mit Westprodukten bis hin zum Selterswasser, da er sich nach Aussagen seiner Bediensteten zunehmend weigerte, DDR-Produkte zu sich zu nehmen.

Ministerpräsident Willi Stoph und Verteidigungsminister Heinz Hoffmann zog es an den Werbellinsee, wo sie ihre Freizeit bei Hubertusstock verbrachten. Unterhalb des Jagdschlosses am Strand steht heute noch das Bootshaus, wo Stophs Tragflächenboot und das Kajütboot „Regina“ neben dem Glasfiberkreuzer von Erich Honecker lag.

Elli Kelm, die 33 Jahre lang Erich Honecker als Sekretärin diente, hatte sich in unmittelbarer Nähe Ihres Chefs in Eichheide ansässig gemacht. Ihre Familie wurde ebenso wie der Sekretär des Staatsrates Horst Eichler von Honecker mit Sonderjagdrechten bedacht. Im Dorf war sie bekannt durch Ihren Papagei, den Sie schon mal zum Einkaufen mitnahm. Samstags kam sie auch zur Bäckerei Wiegandt und war immer für ein Gespräch offen. Hermann Wiegandt erzählte ihr eines Tages von seinen Sorgen über seinen Sohn, der zur Luftwaffe eingezogen worden war und dort zunächst über heftigste Zahnschmerzen geklagt hatte, die sich später nach Aussage des Kompaniechefs zu einem akuten Nierenversagen entwickelten. Da Wiegandt nicht den Eindruck hatte, dass sein Sohn ordentlich versorgt würde, bat er Elli Kelm um Hilfe. Die sprach noch am Wochenende mit Honecker und am Montag früh stand Verteidigungsminister Hoffmann in der Backstufe und fragte, wo das Problem liege. Daraufhin wurde Wiegandt junior in eine Spezialklinik nach Bad Saarow geflogen und nach vier Wochen als geheilt entlassen.

honecker jagdsitz
Honeckers Jagdsitz Wildfang am Pinnowsee heute als Biosphären-Ranger-Station genutzt

Der Staatsrats-vorsitzende Erich Honecker hatte schon als FDJ-Chef in der Pionier-republik (heute Europäische Jugendbegegnungsstätte am Werbellinsee) und im Gästehaus der DDR am Döllnsee (wo auch Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck erholsame Tage verbrachten) die Schönheit der Schorfheide lieben gelernt und sich dann 1963/64 am Pinnowsee im Forsthaus Wildfang niedergelassen. Gejagt hatte Honecker schon seit 1956 in der Schorfheide. Hierzu diente ihm ein tschechisches Repetiergewehr Kaliber 8mal 57, dass ihm einst Präsident Klement Gottwald geschenkt – und damit nach seinen Worten seine Jagdleidenschaft begründet hatte.

Gelegentlich verließ er zum Schrecken seiner Sicherheitsleute das Haus und fuhr mit dem Fahrrad zur Gaststätte von Alfred Braune (heute „Zur Schorfheide“), um dort ein Bier zu trinken und zu hören, was denn seine Bürgerinnen und Bürger so reden. Einem solchen Ausflug verdanken angeblich die Schönebecker Jugendlichen auch ihren Jugendclub, als sie die Gelegenheit nutzten sich darüber zu beklagen, dass es für sie keine Angebote im Dorf gäbe.

Nach dem Dienst kennt Erich Honecker meistens nur einen Weg: in die Schorfheide, zur Jagd. Selbst im brisanten Sommer '89 steigt er drei bis vier Mal die Woche vom Volvo in den in West-Berlin für spezielle Jagdzwecke ausgerüsteten grünen Range-Rover-Geländewagen. In der Regel erschien er gegen 13 Uhr in Groß Schönebeck und wurde vom Generalforstmeister Ullrich Weber, der den Parteichef noch aus seiner Zeit als FDJ-Vorsitzenden kannte, in Wildfang empfangen.

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Mufflonstrecke mit Honecker

Ein Staatsratsvorsitzender, der die politische Realität weitgehend ausblendet:

Der ehemalige Forstmeister Horst Mildner berichtet: "Das Absonderliche, das heute festgestellt werden muss, ist der Umstand, dass Herr Honecker in der Zeit, als die DDR zweifelsohne im Bröckeln begriffen war, sich nicht davon abhalten ließ, seiner Jagdleidenschaft zu frönen."
Das Volk ist dabei, seinen Obersten Jäger zu verlassen, Massen pilgern nach Ungarn, um von hier in den Westen zu flüchten: Honecker ist auf der Jagd.

Die bundesdeutsche Botschaft in Prag wird von DDR-Bürgern besetzt, die so ihre Ausreise erzwingen wollen: Honecker ist auf der Jagd.

In Leipzig organisieren die Menschen offene Protestaktionen, die Montagsdemonstrationen werden immer größer: Honecker ist auf der Jagd.

Bereits 1962 wurde die Schorfheide zum Staatsjagdgebiet erklärt und als Militärforstgebiet ausgewiesen. Das Staatsjagdgebiet wurde aus der Schönebecker Forstverwaltung ausgegliedert und die Forst- und Abschussdaten als geheime Kommandosache an die Staatssicherheit weitergeleitet. Einem Bericht der Volkskammer zufolge wandte die DDR 1989, im letzten Jahr, dieses Sondergebietes 7,4 Mio. Mark für diesen Luxus auf. Dazu kommt ein Verlust für die fehlende Holzwirtschaftliche Nutzung in Höhe von 5 Mio. Mark. Für die Verlegung des Technikstützpunktes vom Döllnsee nach Groß Schönebeck musste die DDR rund 17 Mio. Mark aufwenden. Hier arbeiteten 304 Mitarbeiter auf 22.000 qm ausschließlich für das Jagdvergnügen von Erich Honecker und seinen Jagdgefährten, wozu außer den genannten auch der französische KP-Vorsitzende George Marchaise; der Ostbeauftragte der bundesdeutschen Industrie, Berthold Beitz, die sowjetischen Außenminister Andrej Gromyko und Alexeij Kossygin, Staats- und Parteichef Leonid Breshniew, der Chef des Obersten Sowjets, Nikolai Podgorny, Marschall Pjotr Koschewoi, der tschechische Staatspräsident Gustáv Husák und der polnische Staatschef General Wojciech Jaruzelski gehörten. Honeckers Jagdleidenschaft wurde von seiner Frau Margot nicht geteilt. Sie war nur sehr selten im Forsthaus Wildfang. Dagegen wurde Honeckers chilenischer Schwiegersohn, bei dem Margot Honecker jetzt lebt, von den Schönebecker Forstleuten als großer „Wilddieb“ bezeichnet. Bei aller Jagdleidenschaft des Staatsratsvorsitzenden ist allerdings der reguläre Erwerb eines Jagdscheins bei ihm nicht nachgewiesen.

In einer Saison erlegten die Jagd- und Skatgefährten Honecker und Mittag laut Thomas Grimm, "80 bis 100 Geweihträger", deren Geweihe heute in einigen Exemplaren im Schorfheidemuseum in Groß Schönebeck zu sehen sind.

Honeckers Personenschützer Bernd Brückner berichtet: 

"Wenn also Wild erlegt wurde, haben wir das als Personenschutzkommando - man sagte im Jargon: - waidgerecht behandelt, also aufgebrochen und auf den Anhänger transportiert und in die Wildhalle gefahren. Der erste Schritt natürlich, wenn er auf den Hof rauffuhr, nahmen wir ihm sofort seine Jagdwaffe ab, die dann durch uns gereinigt wurde, nicht durch den Schützen, und er sofort freudestrahlend in die Halle ging und er sich nochmals genauestens das erlegte Wild angeschaut hat. Wenn er einen Gast mit hatte, wurde das separat angehängt, also Mittag und Honecker, wer was geschossen hatte. Das waren so Rituale, wo dann auch so richtige Freude, eine richtige, naja, zeitweise Ausgelassenheit da war."

Erich Honeker war seiner Entourage von ca. 10 Jagdbegleitern, die ausschließlich für ihn abgestellt waren und als „Büchsenspanner“ von den Groß Schönebeckern bezeichnet wurden, und seinem Fahrer Günter Stöcker freundlich zugetan. Er hatte stets ein Ohr für sie und ihre Familien und hat ihnen manche Vergünstigung, wie z.B. besondere Medikamente oder Konsumgüter verschafft.

Damit das Wild nicht flüchtet, musste die Schorfheide eingezäunt werden. Dafür bestellte die Forstverwaltung laut mdr eine spezielle Maschine aus Australien. Jede Trophäe wurde fotografiert, vermessen, beurkundet. Und es musste auch dafür gesorgt werden, dass der Staats- und Parteichef der erfolgreichste Jäger von allen war. Selbst im Vergleich zu seinem Jagdfreund Günter Mittag.

Dass Honecker ausgerechnet im August 1989, als die Massenflucht aus der DDR in vollem Gange war, den größten Hirsch schoss, der je in der Schorfheide erlegt wurde, bezeichnet Grimm als "eine Parabel von Machtfülle und politischem Versagen".

Honeckers Liebe zur Jagd, mit der er das gesamte Politbüro paralysierte, bleibt angesichts dieses trockenen Politbürokraten ein Rätsel, zumal der Generalsekretär nach den Berichten seiner Bediensteten nichts aß, was aus dem Walde kam, kein Wild und noch nicht einmal Pilze.

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Erich Honecker mit Bundeskanzler Helmut Schmidt beim Treffen in der Schorfheide

Die Schorfheide ist auch Schauplatz des in 20 Aktenordnern der Staatssicherheit festgehaltenen Besuchs von Bundeskanzler Helmut Schmidt am 12. und 13. Dezember 1981 in Hubertusstock und im DDR-Gästehaus in Dölln. Um zu verhindern, dass es zu spontanen Beifallskundgebungen eines nicht-organisierten Publikums wie beim Brandt-Besuch in Erfurt kommt, hatte Erich Mielke auch in Groß Schönebeck für die kurze Durchfahrt des Konvois auf der F 109 alle Zufahrtsstraßen weiträumig abriegeln lassen. Politisch unzuverlässig geltende Bürger wie Hansi Williges, der mit 2.135 anderen Leidensgenossen von der Stasi als verdächtig eingestuft worden waren und entweder vorzeitig zur Armee eingezogen, verhaftet oder unter Hausarrest gestellt worden waren, wurden in der Forstverwaltung vorbeugend inhaftiert. Alle 50 m stand ein Stasimann an der Straße, eine Tanzveranstaltung in der „Schorfheide“ wurde abgesagt. Fritz Ast lud den in Halbschuhen und Trenchcoat vor seinem Haus stehenden Posten ein, eine warme Wurstsuppe bei ihm zu essen und sich aufzuwärmen bis dessen Vorgesetzter nach ihm suchte. Der ließ sich dann gleichfalls bewirten. Ast hatte an diesem Tag bei Suter geschlachtet und war nur unter großen Umwegen und mit viermaliger Kontrolle nach Hause gekommen.

Nicht gut ging für den zwei Meter großen Dorfpolizisten Karl Hermann ein Gaststättenbesuch des Generaldirektors des Schwedter Erdölkombinats Dr.Hager in der Gaststätte von Herbert Regling in der Berliner Straße (heute Apothekenneubau) aus. Der gewissenhafte Polizist, der keine Scheu vor hohen Funktionsträgern hatte, sondern mit der Strenge des Gesetzes gegen jedermann vorging, wenn es nötig war, hatte mitbekommen, dass der Direktor nach der Jagd in der Schorfheide einen ausgiebigen Umtrunk in der Gaststätte veranstaltete, vor der Tür seinen schwarzen Wolga. So legte er sich auf die Lauer und wartete, bis die fröhlichen Zecher losfuhren. Als sie das zu später Stunde dann taten, löste der wackere Mann eine hochnotpeinliche Fahndung aus. Kurz vor Schwedt wurde der Wolga schließlich gestoppt. Dr. Hager sagte später aus, dass sein Fahrer in dem zuvor von Hermann observierten Wolga geschlafen hätte und dieser später gefahren sei, was durch den Augenschein bei der Fahndung bestätigt worden war. Die Zeche musste schließlich der Polizist zahlen, indem er nach Schönerlinde strafversetzt wurde.

Horst Sindermann, ehemaliger Vorsitzender des Ministerrats und später Volkskammerpräsident der DDR, hatte mit dem wieder aufgebauten Forsthaus Reluch ebenfalls einen Landsitz in Groß Schönebeck. Neben dem zweistöckigen Wohnhaus waren dort zahlreiche Wirtschaftsgebäude, Garagen, ein Gewächs- und ein Wildlagerhaus. Ein Tennisplatz und aufwendige Funk- und Fernsehanlagen vervollständigte die Ausstattung. Die im Gelände stationierte Fernsehkamera diente mit ihrer modernsten Übertragungstechnik dazu, dass Sindermann mit seiner Familie am Fernseher die Tiere rund um sein mitten im Wald gelegenes Anwesen ungestört beobachten konnte. Das Haus war in den 60er Jahren durch Unachtsamkeit einer Mieterin abgebrannt, die einen Pappeimer mit Asche auf dem Dachboden abgestellt hatte. Die herbeigerufene Freiwillige Feuerwehr des Dorfes konnte das Gebäude zwar im Untergeschoss räumen, wegen des weit ab gelegenen Wasserzugangs war ein Löschen nicht möglich. Zwar hatte man von Carinhall genug Schlauchmaterial geborgen, um bis zum Glasowsee eine Notleitung legen zu können, aber verwarf dies, weil es so lange gedauert hätte, dass das Gebäude bis dahin ohnehin herunter gebrannt gewesen wäre. Opfer des Brandes wurde ein Hund eines der Mieter und der Flügel, der 1945 aus dem ebenfalls abgebrannten Darré’schen Landsitz am Tremmer See geborgen worden war und deshalb nach Reluch gekommen war, weil dort die Türen so breit waren, dass man ihn problemlos dort aufstellen konnte. Für eine neuerliche Bergung reichte allerdings die Zeit und die Transportkapazität nicht aus

forsthaus reluch
Forsthaus Reluch heute

Ein weiteres Mitglied der SED-Führungsriege und Honecker-Vertrauter war der Chef der Reichsbahn und stellvertretende Verkehrsminister der DDR, Robert Menzel. Dieser hatte sich im Forsthaus am Lotzinsee eingerichtet und war ein oft gesehener Kunde der Kaufhalle im Ort. Öfter sah man ihn allerdings in Gaststätten bei nachhaltigem konsumieren hochprozentiger Getränke. Wenn er ohne Fahrer unterwegs war, fand sich dann immer jemand, der seinen Wartburg in die richtige Richtung stellte, dass er auch wohlbehalten nach Hause kam.

Eines Tages war eine Schönebeckerin mit ihrer Enkeltochter Karin in Braunes Gasthof und verlangte einen Orangensaft zum Essen. Darauf wurden sie von der Bedienung davon in Kenntnis gesetzt, dass es keinen Orangensaft gäbe. Kurz darauf kam Robert Menzel mit seinem Fahrer in die Gaststube und verlangte Orangensaft, der ihm sofort serviert wurde. Der Bedienung war das überaus peinlich, zumal das Mädchen sich heftig beklagte, dass sie keinen Orangensaft bekommen hatte. Sie erklärte, dass es eine so genannte „Ministerreserve“ gäbe, die nur für Protokollpersönlichkeiten genutzt werden dürfte. Eben zu dem exklusiven Zirkel gehörte Robert Menzel, der mit Honecker in dem Staatsjagdgebiet von Groß Schönebeck auf die Pirsch gehen durfte.

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Die bekannteste und erfolgreichste Kaufhalle der DDR: „Berliner Bier – gab’s nur hier“ oder: Tausche Kühlschrank gegen Ferienplatz

Geschrieben von Rainer Klemke am . Veröffentlicht in Geschichte

Ein Mekka

 

(von einer Kundin)

Ein Wallfahrtsort besonderer Art

Verhältnismäßig auch apart

Ein schöner Vorhof – glatt und eben -

Kann jedem schon Entspannung geben.

Und zur Bequemlichkeit, mein Lieber,

ist der Parkplatz gegenüber.

Du ahnst es schon – des Mekkas Sinn

Man fährt nicht um zu beten hin.

Der Wallfahrtsort Groß Schönebeck

Dient scheinbar einem andren Zweck:
Das Mekka ist in diesem Falle

Die große Selbstbedienungshalle.

Herr Honecker ließ auch hier kaufen,

brauchst nicht woanders hinzulaufen.

Das Angebot war riesengroß,

auch seltene Sachen gibt’s, ganz famos,

z.B. Schweizer Käse,

auch gute Biere, ei der Daus,

trägt man gleich kistenweis hinaus.

Im weiten Umkreis nach der Superhalle.

Der Mensch sucht doch das selten Rare

Und donnerstags gibt’s neue Ware.

Groß Schönebeck hatte auch zu DDR-Zeiten viele Attraktionen: die malerischen Seen und die endlosen, pilzreichen Wälder, das königliche Jagdschloss der Preußen – wenngleich es als Büro und Kantine der Forstverwaltung genutzt wurde - und die Feldsteinkirche mit dem wuchtigen Wehrturm aus dem 30jährigen Krieg. Die Jagdsitze von Horst Sindermann, Günter Mittag und Erich Honecker hätten es sein können, wenn sie nicht so streng bewacht und unzugänglich gewesen wären. Keine Attraktion des „Tores zur Schorfheide“ aber zog so viele Besucher an wie die Kaufhalle im Dorfzentrum. Sie war in der ganzen Republik bekannt und bevorzugtes Reiseziel, egal, ob man aus Plauen, Eisenach oder Wismar kam. Diszipliniert reihte man sich in die Schlange ein, die an besonderen Tagen in Viererreihen vom Eingang der Halle mehr als 100 m bis zur Kirche in der Liebenwalder Straße reichte. Alle warteten geduldig, bis sie einen der wenigen Einkaufswagen bekamen und damit in die Halle durften. Wollte man ohne Einkaufswagen hinein, wurde man streng darauf hingewiesen, dass das nicht zulässig sei. So erging es auch dem Honecker-Vertrauten und Reichsbahnchef Robert Menzel, der am Großen Lotzin-See seinen Landsitz hatte und häufig in der Halle einkaufte.

Der Ruf der Groß Schönebecker Kaufhalle trug weit und es soll sogar vorgekommen sein, dass Grenzer am Übergang Bahnhof Friedrichstraße nach einem Blick in die Tasche eines Reisenden verständnissinnig nickten und sagten „Ja, in Groß Schönebeck gibt es eine gute Kaufhalle“.

Doch der Reihe nach:

Im Jahre 1974 gab es eine Initiative des Groß Schönebecker Bürgermeisters Werner Ludwig, der Kreisleitung der SED und der Verantwortlichen des Rates des Kreises Bernau, in Groß Schönebeck eine Kaufhalle nach dem Muster derer in Finow zu bauen. Diese sollte nicht nur Lebensmittel, sondern ein Vollsortiment einschließlich Industriewaren anbieten. Damit sollten nicht nur die Einwohner versorgt werden, sondern auch das Gefolge der zahlreichen Staatsjagdgäste, die mit Erich Honecker durch die Wälder streiften oder im Gästehaus der SED am Döllnsee oder auf Hubertusstock konferierten. Vorgesehen für die Leitung der Halle war der Wandlitzer Bereichsleiter des Konsum, Horst Mroncz, der bis 1992 die Zügel in der Hand behielt.

Der gebürtige Leipziger, der seit 1968 in Wandlitz arbeitete, stellte von Anfang an selbstbewusst klare Bedingungen. Die Halle müsste wesentlich größer werden. Alle anderen Geschäfte in Groß Schönebeck müssten schließen, deren Mitarbeiter unter Anrechnung ihrer erworbenen Dienstanwartschaften übernommen werden. Wichtigster Punkt jedoch war die direkte Belieferung aus Berlin und nicht über Straußberg, weil er keine Halle mit leeren Regalen leiten wollte.

deutscheshaus
Ehemaliger Gasthof „Deutsches Haus“ und BHG, der der neuen Kaufhalle an der Liebenwalder Straße Ecke Schlufter Straße weichen musste

Die bisher an dieser Stelle im mittlerweile maroden ehemaligen Gasthof „Deutsches Haus“ angesiedelte BHG musste an den Bahnhof ziehen und das Gebäude gegenüber von Liepner’s Gasthof abgebrochen werden. In 6 Monaten sollte die Halle, weitgehend aus Betonfertigteilen errichtet werden und im April 1975 war Baubeginn. Pünktlich zum Republikjubiläum am 7. Oktober 1975 war sie fertig und wurde vom Bürgermeister, Ratsvorsitzendem, Bezirks- und Ministeriumsvertretern mit Blasmusik und Band durchschneiden festlich eröffnet. Noch in der Nacht zuvor war der Bürgersteig gepflastert worden, damit die Eröffnungsgäste nicht durch Staub und Schlamm gehen mussten. In vielem hatte sich Horst Mroncz durchgesetzt, hinsichtlich der Größe, die er für nötig hielt, nicht ganz und bei der Belieferung von der Berliner Zentrale, die er für unverzichtbar hielt, gar nicht.

Es kam dann so, wie von Mroncz vorausgesagt, die große neue Halle war immer wieder ausverkauft und das Personal paradierte vor leeren Regalen. Das ging so, bis am12. Februar 1976 kurz nach 18 Uhr zwei Jäger an die Glastür pochten und Einlass verlangten. Mroncz wollte sie zunächst zurechtweisen, dann alarmierte ihn Inge Braune aber, dass es zwei sehr prominente Groß Schönebecker waren, nämlich Dr. Günter Mittag, der am Tremmer See im Ortsteil Schluft den Landsitz des NS-Reichsbauernführers Richard Walter Darré übernommen hatte und Erich Honecker, der an den Pinnow-Seen sein Jagdhütte hatte.

die halle

Mroncz ließ die beiden hohen DDR-Repräsentanten (Staatsratsvorsitzender und oberster Wirtschaftslenker der DDR) ein und zeigte ihnen die neue Kaufhalle mit ihren leeren Regalen. Bei einem vietnamesischen Reisschnaps aus der eisernen Reserve des Kaufhallenleiters kam man sich näher und besprach die mangelnde Versorgung dieser neuen Vorzeigehalle. Erich Honecker fragte, warum die Halle so leer sei und was Mroncz an Lieferungen brauchen würde. Der sagte, dass er diese Halle nur dann kundengerecht führen könne, wenn er direkt aus Berlin mit allen Konsumgütern und Lebensmitteln und aus der modernen Fleischwarenfabrik Eberswalde mit Fleisch bevorzugt beliefert werden würde. Darauf fragte Honecker Günter Mittag, ob denn das gehe und der antwortete: „Geht, geht.“ Daraufhin erhielt Mroncz den Auftrag, bis zum nächsten Morgen eine Aufstellung zu machen, was er denn alles benötige. Diese Liste holte am nächsten Tag ein Bote des Ministeriums ab. Unmittelbar darauf erschienen die Verantwortlichen des Ministeriums und waren über den direkten Kontakt und den Erfolg von Mroncz höchst verärgert. Da aber Honecker seine und Mittags Telefonnummer hinterlassen hatte, wo Mroncz anrufen sollte, wenn irgend etwas nicht klappt, musste die Arbeitsebene nun spuren und so gab es hier seither das haltbare und wohlschmeckende Berliner Bier, immer frisches Obst und Gemüse, auch Südfrüchte wie Apfelsinen, Bananen und Zitronen, zumindest in der Saison. Es gab Kühlschränke, Waschmaschinen, Küchen- und Arbeitsgeräte, Schubkarren und Badewannen, Toilettenbecken und Ananasdosen, sogar Sahnesyphons und Allesschneider, also Waren, die in der DDR „Bückware“ gewesen sind und anderswo nur mit Beziehungen und im Tauschhandel zu bekommen waren. Die Großgeräte waren zwar nur periodisch zu haben, aber man konnte sich in Listen vormerken lassen und erhielt dann Nachricht, wenn die nächste Lieferung eingetroffen war. Wenn dann ein Anruf aus Dierhagen oder vom Rennsteig kam, dass das Gerät kaputt sei, diese Anrufer aber nicht auf der Liste gestanden hatten, war dann klar, dass der Eine oder Andere seinen Ferienplatz mit einem Kühlschrank oder einer Wäscheschleuder bezahlt hatte.

Wegen des großen Ansturms auf die Kaufhalle in Groß Schönebeck musste Mroncz trotz guter Versorgung auch rationieren. Kam z.B. ein ganzer Lastzug mit neuen Kartoffeln, wurde an jeden Kunden nur ein 2,5 Kilo - Netz ausgegeben und trotzdem war alles allein am Samstag ausverkauft. Wer sich darüber beschwerte und mehr haben wollte, der wurde darauf hingewiesen, dass er überhaupt nur deshalb ein Netz bekommen könne, weil eine solche Regulierung erfolgt sei.

Im Zentrallager in Berlin musste immer eine Reserve z.B. von Orangen für die besonderen Einkaufsstellen von Partei und Armee zurückgehalten werden. Manchmal drohte dabei alles schlecht zu werden und so gab es gelegentlich Anrufe am Freitagnachmittag bei Mroncz. Er könne einen Lastzug voll Obst haben, wenn er sich die Ware selbst abholen könne. In der Ware-Ware-Handelsgesellschaft, die die DDR darstellte, kannte sich Mroncz aus und kam mit einem Pferdetransporter des Gestüts Sarnow und holte Orangen oder Gemüse aus Berlin. Er ließ das Brauchbare aussortieren und am Sonnabend war schon alles wieder bei ihm ausverkauft. Gelegentlich gab es aber nur drei Kisten ungarische Salami. Was sollte er ein so geringes Kontingent Hunderten von Kunden anbieten? Er bekam zwar alle 2 Jahre einen neuen Trabant-Dienstwagen und einen B 1000-Transporter (von dem alten abgelegten Wagen

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Blick in die Kaufhalle

profitierte dann die Kosumorganisation). Aber wenn die Fahrzeuge kaputt waren, half ein Schinken, ihn schnell wieder flott zu machen.

Unabhängig von den regulären Aufkaufstellen, kaufte auch die Groß Schönebecker Halle z.B. Eier und Pflaumen bei den Erzeugern ein, die ihre Produkte anschließend für einen Bruchteil des Erlöses am Tresen erwerben konnten. Sehr gefragt war Wild aus der Schorfheide, das in der Fleischerei von Karl Fenker aus der Decke geschlagen und in der Kaufhalle zerlegt und verkauft wurde.

Da auch der Nachschub der Groß Schönebecker Kaufhalle in der Mangelgesellschaft DDR endlich war, sorgte die Geschäftsführung dafür, dass z.B. durch einen Sonderverkauf die Dosenfrüchte und sonstige Zutaten für die großen Jugendweihefeiern in die richtigen Hände kamen. Traditionell gab es am Sonntag vor Weihnachten einen großen Sonderverkauf, für den Mroncz schon lange vorher besondere Waren heranschaffen ließ, die normale DDR-Bürger aus anderen Regionen an ein Schlaraffenland glauben ließ.

einkaufsausweis

Die Groß Schönebecker profitierten zwar sehr von dem außergewöhnlich guten Versorgungsangebot ihrer Kaufhalle, allerdings regte sich doch wachsender Unmut darüber, dass sie selbst wegen des republikweiten Zuspruchs – vor allem in der Urlaubszeit und vor den Feiertagen – Schwierigkeiten hatten, in die Kaufhalle zu gelangen und besondere Artikel dort erwerben zu können. Deshalb setzte Bürgermeister Albrecht Gläsel durch, dass es einen so genannten „Einwohnerkaufsausweis zum bevorzugten Erhalt eines Einkaufswagens im EKZ Groß Schönebeck“ gab, der eine bevorzugte Bedienung der Groß Schönebecker Bürgerinnen und Bürger sicherstellen sollte. Davon hielt Mroncz nicht viel und verwies darauf, dass es ja gerade die Groß Schönebecker seien, die am meisten von dieser Kaufhalle profitierten und dass er, wenn Hunderte Kunden vor der Tür ständen, nicht sortieren könne, wo die Käufer herkämen, da hätte es Mord und Totschlag gegeben und er Polizeischutz anfordern müssen. Kompromiss war schließlich, dass die Ausweisinhaber unter der Woche bevorzugt wurden, während am Wochenende alle einen Einkaufswagen erstehen konnten.

Wegen der außerordentlichen Bekanntheit und Attraktivität war die Kaufhalle in Groß Schönebeck auch häufiges Ziel von Einbrüchen. Die Scheiben wurden eingeschlagen, Türen aufgebrochen und sogar durchs Dach kamen die Diebe (die auf diesem Weg allerdings nicht allzu viel wegtragen konnten). Durch die Alarmanlage wurde schnell Personal herbeigerufen und fast alle Einbrecher überführt. Nur einmal gelang das nicht, als mit einem LKW eines Nachts große Mengen aus dem Lager entwendet wurden. Den Anwohnern kam der nächtliche Ladeverkehr nicht weiter verdächtig vor, da wegen des außerordentlich hohen Warenumsatzes zu allen möglichen Zeiten Fahrzeuge auf den Hof fuhren. Ehe man diesen Räubern auf die Fährte kommen konnte, war er schon über die zu diesem Zeitpunkt noch offene polnische Grenze verschwunden. Wie überhaupt viele Polen in Groß Schönebeck groß einkauften, vor allem Dauerwurst und Spirituosen, die dann auf dem Polenmarkt in West-Berlin wieder auftauchten und in DM umgesetzt wurden. Natürlich gab es auch Ladendiebstahl, auch von prominenten Kunden, aber man kannte sich und regelte das diskret. So gelang es, trotz des unglaublichen Kundendurchsatzes in der rund 500 qm großen Verkaufsfläche und oft bis an die Decke hoch gestapelten Waren und Bierkisten, die Schwundquote auf 3-4000 Mark pro Jahr zu drücken.

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Das Verkaufsteam der Kaufhalle 1976

Diese großen Umsatzmengen – allein an Bier wurden pro Woche drei Lastzüge mit Hänger ausverkauft – auf geringer Fläche erforderte einen höchst intensiven Personaleinsatz und immer neue Anbauten, um die Waren zu lagern. Bis zu 65 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter packten aus und schleppten die Kisten in die Halle, gaben die Ware aus und verkauften an der Fleischtheke, wo ein eigener Fleischermeister wirkte. Da musste jeder kräftig mit anpacken und auch nicht auf die Zeit sehen, wenn frische Ware geliefert wurde. Unter diesem großen Personalstamm war auch der oder die eine oder andere, denen Mroncz kündigen musste, weil ihre Arbeit oder Arbeitseinstellung nicht so war, wie es eine derart angespannte Verkaufsorganisation gefordert hat. Da kam es dann vor, dass er jemand wieder einstellen musste, weil dieser auch bei der Stasi im Dienst war und ein Auge auf diesen wichtigen Betrieb zu werfen hatte. Das erklärte dann auch, dass man im Ministerium immer bestens auch über alle internen Vorgänge und Gespräche in der Kaufhalle informiert war.

Die Brigadebücher des vielfach ausgezeichneten Kollektivs mit dem Ehrennamen „IX. Parteitag“ bilden einen Querschnitt durch den Alltag in der DDR: Planerfüllung (hier : kontinuierliche Übererfüllung) ab: Solidarität mit Louis Corvalan, das Treffen des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker mit dem sowjetischen Staatschef Breshniew oder dessen Gespräch mit dem US-Präsidenten (und die Hoffnungen, die sich damit verbanden) wurden im Brigadebuch ebenso festgehalten wie die Weihnachts- und Jubiläumsfeste, die Patenschaften mit Schulklassen oder die Vorschläge der Neuererbewegung. Stolz wurden die fortlaufenden Umsatzanstiege und die geringen Verlustquoten nach der Inventurfeststellung vermeldet. Die Betriebsausflüge in den Harz, nach Berlin, Weimar und nach Warnemünde, die Geburtstage Lenins und Ernst Thälmanns finden sich hier in Wort und Bild ebenso gewürdigt wie Dienstjubiläen und das Nuklearabrüstungsabkommen zwischen Ronald Reagan und Michael Gorbatschow vom Juni 1988. Im Brigadebuch heißt es dazu: „Für unsere Begriffe sind Gorbatschow und Reagan zwei Staatsmänner, die fair und Energie geladen sind, trotz nicht ausbleibenden Meinungsverschiedenheiten, sich immer ihrer schweren Verantwortung der Welt gegenüber bewusst bleiben. Sie sind einen Schritt weiter gekommen, wir hoffen, dass mit Ausdauer und Vernunft dieser gute Weg weiter geführt wird“. Genau ein Jahr zuvor hatte Ronald Reagan vor dem Brandenburger Tor in Berlin gefordert: "Mister Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer ein!" Was damals als freundliche, vielleicht etwas naive Geste dem Gastgeber Deutschland gegenüber gewertet wurde, gilt heute als visionär und sollte auch die Zukunft der Kaufhalle entscheidend verändern.

Die heute immer noch sehr erfolgreiche Kaufhalle, die im Rahmen der EDEKA - Verkaufsorganisation arbeitet, muss ihren Umsatz nun mit 9 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern (einschließlich Auszubildende) auf einer vergrößerten Verkaufsfläche und einem deutlich ausgeweiteten, wenngleich vor allem auf Lebensmittel konzentrierten Sortiment erwirtschaften – und sich dabei gegen die Konkurrenz der anderen Ladenketten und Billig-Discounter auch im Ort selbst und den Nachbarorten behaupten. An den wirtschaftlichen Erfolg infolge der einzigartigen Monopolstellung zu DDR-Zeiten kann man jedoch nicht anknüpfen: Bei der Planung der Halle war Mroncz 1975 von einem Zieljahresumsatz von 2,5 Mio. Mark der DDR ausgegangen. Gegen Ende der DDR hatte er einen Jahresumsatz von 26 Mio. Mark der DDR und es gab Tage, da musste er Tageskassen von 150.000 M und mehr zur Bank schaffen und sichern. Für alle Beteiligten in der Halle, beim Rat des Kreises, im Bezirk und im Ministerium war das ein Segen, weil nun jeder in der Kette der Verantwortlichen Jahr für Jahr die Prämien für die jeweils übertroffenen Umsatzziele erhielten.

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Der EDEKA-Markt in der Kaufhalle der Konsum-Organi-sation heute

Nach der Öffnung der Mauer zeigten sich Mroncz und die Schönebecker Kaufhalle der Zeit gewachsen und machten ihren Kunden schon ab November ein außergewöhnliches Angebot: Mroncz fuhr mit dem B 1000 zur REWE nach West-Berlin und kaufte dort gegen eine Kaution Waren auf DM-Basis ein, die er an einem besonderen Stand in der Kaufhalle zu DM-Preisen anbot. Damit sammelte er das Begrüßungsgeld oder sonstige Westgeldbestände („Blaue Kacheln“, wie Westgeld in Tauschanzeigen in DDR-Zeitungen verschlüsselt genannt wurde) von seinen Kunden wieder ein und diese mussten nicht nach Berlin fahren, um Westkaffee und Bananen zu erwerben. Allein in diesen Tagen konnte er einen Umsatz von 5.000 DM machen und setzte dies bis zur Einführung der DM in der DDR im Juli 1990 erfolgreich fort. Zuvor war ihm nahe gelegt worden, die Westwaren über die Außenhandelsorganisation von Schalk-Golodkowski, der privat unweit von Groß Schönebeck am Gollinsee residierte, zu beziehen. Das lehnte er allerdings ab, weil er dort einen Aufpreis zahlen sollte.

Bei einer seiner Touren nach West-Berlin wurden Mroncz und sein Fahrer sogar zu „Grenzverletzern“. Sie hatten bei der REWE frische Südfrüchte geholt und wollten an der Bornholmer Straße wieder in die DDR einreisen. Dies untersagte ein DDR-Zöllner und verwies auf den staatlichen Außenhandel der DDR, über den er seine Waren zu beziehen hätte. Sie sollten die Ware zur REWE zurück bringen. Daraufhin machten sie kehrt und fuhren zum Übergang Invalidenstraße. Als dort der Wagen in der Schlange vor ihnen ähnlich restriktiv kontrolliert wurden wie sie zuvor an der Bornholmer Straße, gab Mroncz seinem Fahrer Weisung, einfach loszufahren, wenn sie dran wären – glücklicher Weise waren die Zöllner zu diesem Zeitpunkt schon sehr verunsichert und schauten nur verdutzt hinterher, so dass dieses gewagte Manöver im Dienste des Kunden folgenlos geblieben ist.

Zum Tage der Währungsreform war mit der REWE verabredet, das ganze Sortiment für die Kaufhalle auf Westware umzustellen und diese rechtzeitig anzuliefern. Alle Mitarbeiter standen bereit, sie in die Regale zu sortieren und die Neueröffnung vorzubereiten. Aber die LKWs wurden nicht durch die Grenze gelassen und kamen erst zwei Tage später nach Groß Schönebeck. REWE hatte angeboten, die Waren 10% günstiger als die Konkurrenz zu liefern (zumindest zunächst), allerdings nur an die großen Hallen des Konsum. Da dieser damals – vor allen in den kleinen Orten (wie hier z.B. in Böhmerheide, Liebenthal, Hammer und Schluft) noch viele kleine Verkaufsstützpunkte hatte, machte dann aber die EDEKA als Partner der Konsummärkte das Rennen, weil sie auch alle kleinen Geschäfte mit Ware versorgte.

Noch heute ist die „Kaufhalle“ – wie sie nach wie vor genannt wird – Mittelpunkt des Ortes, Nachrichtenbörse und Treffpunkt der alteingesessenen Schönebecker wie auch der „Tonnenscheißer“ (wie die Schönebecker die Ferienhausbesitzer nennen) und der zahlreichen Wanderer und Radler, die sich auf ihrer Tour durch die Schorfheide hier versorgen. Renate Hilliger, die 1977 – also vor 30 Jahren – in der Kaufhalle angefangen hat, leitet heute einen modernen Betrieb und kann dabei an den Erfolg von Horst Mroncz und seiner Mitarbeiter anknüpfen, der schon in der DDR ein überaus modernes Marktkonzept entwickelt hatte.

Am 25. Mai 2016 begann nun der Abriss der in die Jahre gekommenen Kaufhalle, die den modernen Ansprüchen an Fläche, Komfort, Ausstattung und Größe nicht mehr entsprach. Nebenan wurde am 24. Mai 2016 der neue, größere und gut ausgestattete EDEKA-Markt eröffnet und vom Publikum begeistert angenommen. Trotzdem erinnerten sich viele, die z.T. ihr Leben lang hier einkauften und die Nachbarn aus dem Dorf trafen, an die alte Kaufhalle, an so manchen Versorgungs-Mangel, der trotz der privilegierten Belieferung im ehemaligen Jagdgebiet der DDR-Oberen herrschte, aber auch an gemeinsam Durchlebtes und Erlebtes in Freud und Leid in der Geschichte des Schorfheidedorfes.

Beim Abriß der alten Kaufhalle für die Anlegung eines Parkpülatzes stießen die Bauarbeiter auf archäologische Schätze. Die herbeigerufenen Experten des Landesdenkmalamtes übernahmen die weiteren Grabungen und förderten Funde zu Tage, die eine "Zeitreise durch 2500 Jahre" ans Tageslicht brachten, wie die MOZ titelte. Danach datieren die ältesten Funde, eine Keramik aus der Eisenzeit, auf ein Alter von bis zu 500 v.Chr. Daneben wurden u.a. auch Münzen aus dem Mittelalter, eine Musketenkugel, Teile einer Armbrust, ein Taufring und ein Brunnen freigelegt. Außerdem wurden Grundrissen von z.T. brandzerstörten Gebäuden gefunden, die das Leben an der Kirche nachzeichnen lassen. Die aufgefundenen Exponate werden gewaschen, untersucht, katalogisiert und kommen in das Landesamt für Denkmalpflege nach Wünsdorf (Teltow-Fläming). Ob sie späterhin auch im Museum im Groß Schönebecker Jagdschloß die dortige Ausstellung zur Ortsgeschichte bereichern werden, ist noch nicht bekannt. Die Bergungsarbeiten dauern noch bis Ende POktober 2016. Dann wird dort der neue Parkplatz des EDEKA-Marktes angelegt.

Insofern schreibt die alte Kaufhalle sogar über ihren Bestand hinaus Ortsgeschichte in Groß Schönebeck.

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Groß Schönebecker Hymne aus dem Jahr 1986

Geschrieben von Rainer Klemke am . Veröffentlicht in Geschichte

Heimatort

Groß Schönebeck, Groß Schönebeck, du wunderschöner Ort,

treibt Wanderlust auch mich hinweg,

dein denk ich immerfort.

            Und wer es kennt, der stimmt mit ein

            Und singt es froh und keck::

            Kein Ort der Welt kann schöner sein als mein Groß Schönebeck.

            Das liegt auf märkischer Heide

            Im waldigen Versteck,

            bewohnt von lieben Menschen

            mein Groß Schönebeck.

 

Die Bauern in der LPG, die ziehen nicht mehr weg,

sie haben Haus und Hof und Vieh

und ihr Groß Schönebeck.

            Und wer es kennt, der stimmt mit ein...

 

Der Forstbetrieb ist hier am Fleck,

das weiß man ganz genau,

Verwaltung in Groß Schönebeck vom ganzen Kreis Bernau.

            Und wer es kennt, der stimmt mit ein...

 

Der Handel an der Kreuzung liegt,

so rauscht es durch den Wald,

der Konsum Delikates bringt,

das weiß hier jung und alt.

            Und wer es kennt, der stimmt mit ein...

 

Minol-Pirol ist wohlbekannt,

in unserem Heimatland.

Hier halten Lada und Trabant

Bei unserem Intertank.

            Und wer es kennt, der stimmt mit ein...

 

Groß Schönebeck,

du Perle der Mark,

Ihr Bauern und Ihr Arbeiter macht

Unsere Wirtschaft stark!

            Und wer es kennt, der stimmt mit ein...

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Feuer im Jugendweihesaal

Geschrieben von Rainer Klemke am . Veröffentlicht in Geschichte

Es versprach ein sonniger Frühlingstag zu werden. Die Sonne strahlte und ein frischer Wind fegte die Wolken weg. An jenem Sonnabend, den 18. April 1974, legten aufgeregte Mütter letzte Hand an das neue Kleid ihrer Tochter oder bügelten den ersten guten Anzug ihres Sohnes, während die Väter noch Festgäste von der Bahn abholten. Heute war für 11 Uhr Jugendweihe im großen Saal von Regling’s (vormals „Zeumer“, vormals „Stadt Prenzlau“) Gasthof in Groß Schönebeck angesagt, aber es sollte alles anders kommen, als lange zuvor geplant.

Der Sattlermeister Wilhelm Beyersdorf von der freiwilligen Feuerwehr war gerade dabei, dem lang herbeigesehnten Dachdecker auf dem Dach seines Hauses die Ziegel zuzureichen, als dieser ihn kurz vor 10 Uhr fragte, was denn wohl die sich verdichtenden Rauchwolken bedeuteten, die er vom Dach aus über der Berliner Straße in Höhe des Gasthofes „Stadt Prenzlau“ aufsteigen sah. Beyersdorf rannte daraufhin hinüber zur Feuerwache an der Prenzlauer Straße hörte da schon die Sirene, mit der die Kollegen von der freiwilligen Feuerwehr herbeigerufen wurden. Die Sirene wurde auch von der Wirtin des Gasthofes, Lore Regling gehört, die in ihrer Wohnung im Obergeschoß des Gasthofes in den ehemaligen Gastzimmern ihre Wohnung hatte. Sie trat auf ihren Balkon und sah zuerst den schon in Flammen stehenden Lebensbaum vor dem Festsaal und dann ihren durch eine Kriegsbeschädigung am Bein behinderten Mann Herbert vom Bürgersteig her rufen. Sie flüchtete schnell aus dem Haus als auch schon die Feuerwehr eintraf und begann, die Schläuche auszulegen. Die Rettungskräfte sahen sofort, dass der Bau angesichts des Brandfortschrittes und des anhaltenden Windes nicht mehr zu retten war. Das ausgetrocknete Holz des Bodens, die Dachkonstruktion, die Bühne mit den darunter gelagerten Turngeräten des Sportvereins, der hier regelmäßig übte, und die schweren Vorhänge, die den ehemaligen Filmsaal verdunkelten, brannten wie Zunder. So mussten sie sich darauf beschränken, die anliegenden Gebäude zu evakuieren und ein Übergreifen des Feuers zu verhindern.

gasthof

Mittlerweile mischten sich unter die Schaulustigen und Helfer die ersten Jugendweiheteilnehmer und deren Gäste, die sich für diesen Tag ein anderes, weit erfreulicheres Ereignis versprochen hatten. Schnell besprach man sich, was nun zu tun sei und verlegte die Jugendweihe in die nahe gelegene Turnhalle hinter der Schule, wo sie schließlich in aller hastigen Improvisation über die dort nicht vorhandene Bühne ging.

Noch während der Löscharbeiten wurde über die Ursachen des Brandes spekuliert. Es kursierten zwei Varianten. Die einen sprachen von einem Sabotageakt gegen die Jugendweihefeier, die anderen von einem Schwelbrand infolge eines defekten Gerätes oder unzureichender Stromkabel. Letztere ist aus der Geschichte des Saales die wahrscheinlichere. Er wurde in einer Zeit erbaut, da die Stromrechnung noch nach der Zahl der Steckdosen berechnet wurde und deshalb gab es im Saal nur ein einzige. Diese wurde für die Filmvorführungen genutzt, die seit der Weimarer Zeit im Saal liefen und von der UfA, die hierher von 1941 bis zum Kriegsende eines ihrer Tonstudios ausgelagert hatte. 1949 hatte Herbert Regling die Gaststätte von seinem Großvater übernommen, die bei Sovexport, beim Finanzamt und der Brauerei schwer verschuldet war, weil er sich, obwohl schwerbeschädigt, in der Familienpflicht sah, die Tradition fortzuführen. Er hatte Toiletten ins Haus eingebaut, den Schwamm infolge der russischen Getreideeinlagerungen im Saal beseitigt und das Obergeschoß ausgebaut, den Veranstaltungssaal aber dann an die Gemeinde verpachtet, die ihn als Veranstaltungssaal nutzte und dafür für die Inneneinrichtung die Verantwortung übernahm. Für die Jugendweihe und andere Veranstaltungen wurde eine Veranstaltungstechnik mit starker Beleuchtung und Beschallung angeschafft, deren Stromversorgung über eine quer durch den Saal verlegte Verlängerungsschnur erfolgte. Das dies unzureichend war, war offenbar bekannt, weshalb sich Herbert Regling bis zu seinem frühen Tod nur ein gutes halbes Jahr nach dem Brand immer wieder vorwarf, der Gemeinde nicht genug Druck gemacht zu haben, in eine zeitgemäße elektrische Anlage zu investieren. Der überaus beliebte Gastwirt galt als nicht sehr konfliktfreudig, weshalb die Getreideeinlagerung im Saal auch erst nach Interventionen seiner Frau Lore, die als Deutsch- und Musiklehrerin an der Schule arbeitete, bis hinauf zum Landwirtschaftsministerium abgestellt wurde und der traditionsreiche Saal, in dem neben den Filmveranstaltungen regelmäßig die Bälle der Vereine und Tanzvergnügen stattfanden (einstweilen) vor dem endgütigen Verfall gerettet werden konnte.

Die Reglings sollten für den Wiederaufbau des Saals 50.000 M, ansonsten nur 12.000 M von der Versicherung bekommen. Angesichts des schnell fortschreitenden Hirntumors des Gastwirts gab das Ehepaar auf und damit endete auch diese lange Familientradition des Gasthofes an der Berliner Straße in Groß Schönebeck nach einem dreiviertel Jahrhundert. Gasthof und die Ruinen des Saal wurden später abgetragen und hier nach der Wende ein modernes Wohn- und Geschäfthaus (mit Apotheke und Friseurladen) mit Blick auf das Schloss errichtet, nur die alte Kegelbahn hinter dem Haus wird weiterhin (mit moderner Automatik-Anlage) vom Groß Schönebecker Keglerverein betrieben.

Die Gaststätte war bereits in den 30er Jahren schon einmal vom Feuer heimgesucht worden. Die Feuerwehrchronik von Helmut Suter, die zum 100. Geburtstag der Freiwilligen Feuerwehr Groß Schönebeck 2003 veröffentlicht wurde, berichtet von einem Blitzschlag in den Dachstuhl, der sofort in Flammen aufgegangen war. Erst als Anwohner den Brand von außen bemerkten, gerieten auch die Gäste der Schankstube in Aufregung und verließen das Lokal, nicht ohne beim Rausgehen ein kühles Bier gegen den inneren Brandherd mitzunehmen.


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